Land unter…

Silberfrosch

Wenn sich Wasser über das Land legt, wie ein bleierner Spiegel…

Es fühlt sich zweifellos falsch an, angesichts noch immer steigender Flussläufe, rekordverdächtiger Pegelstände und sinnlos prügelnder Staatsmacht im eigenen und im Nachbarland über die kleinen, größeren und großen Freuden innerhalb des eigenen überschaubaren Kosmos zu plaudern.

Hochwasser – das ist nicht das klare und saubere Wasser, das Straßen und Vorgärten, Wiesen, Weiden und Felder und letztlich Keller, Erdgeschosse und mit viel Pech ganze Häuser erobert. Hochwasser führt Schlamm, Schlick, Unrat, Totes und kaum mehr Überlebensfähiges mit sich und hinterlässt eine oft meterdicke Schicht all dessen, was sich nicht gegen die Fluten hatte behaupten können.

Es mag 30 Jahre her sein, als ich in Gummistiefeln und Regenkappe fasziniert beobachtete, wie der Wasserspiegel des ansonsten recht beschaulichen Mühlenbaches vor unseren Häusern beständig anstieg. Wie das Nass erst den Ufersaum, dann die Wurzeln der nahstehenden Weiden und schließlich Land links und rechts des Wasserlaufes für sich einnahm. Beim Höchststand war aus dem einstigen ruhigen Gewässer, aus der Weide und dem Wirtschaftsweg, der zu den Aussiedlerhöfen führte, ein knapp 50 Meter breiter Strom geworden, dessen Fließgeschwindigkeit ein Vorankommen zu Fuß kaum mehr möglich sein ließ. Was anfangs ausgesehen hatte, wie ein Naturschauspiel, dessen Zeugen wir Kinder hatten werden dürfen, wuchs sich zu einer Katastrophe für die bachnahen Anwohner aus. Auf der gegenüberliegenden Seite des flachabfallendes Tales waren zwischenzeitlich aus Rinnsalen kleine Bäche geworden, die in unzähligen Verästelungen aufeinander und ineinander trafen, um sich zu vereinen und die Häuser in Hanglage quasi von hinten zu fluten.

Viele hundert Jahre war der Mühlenbach zuvor Lebens- und Wasserader gewesen. Er brachte die nötige Energie, um das Mühlrad in Bewegung zu halten, Wasser für die Gärten und Höfe und Fische für die Küche. Nach und nach hatte man ihn begradigt, eingezwängt in ein steinernes Korsett und ihm weitgehend die Möglichkeit genommen, zu mäandern und für Notfälle wie diesen eigens dafür vorgesehene Wiesen anstelle von Häusern und Höfen zu fluten.

Wie auch jetzt und heute, hatte es in diesem Frühling vor so vielen Jahren dauerhaft geregnet. Dazu kamen die damit einhergehende Schneeschmelze, das steigende Grundwasser und am Ende konnten selbst wir Schwaben in einem kleinen Dorf am Rande der Schwäbischen Alb, fernab von jedem großem Fluss (den Neckar ausgenommen) betroffen sagen: Land unter!

Aus der Not hatte sich rasch die Tugend entwickelt: Nachbarn halfen Nachbarn. Sie halfen auch und gerade jenen, die wider besseren Wissens günstigere Bauplätze erstanden hatten. Nämlich dort, wo von der Gemeindeverwaltung vor möglicher Überflutung vorsorglich gewarnt worden war. Dort, wo man eigentlich hätte niemals bauen dürfen, um dem Wasser und dessen Kraft seinen natürlichen Weg zu lassen.

Diesen widerlichen penetranten Gestank erstarrten Schlicks und Morasts, den feuchten Muff, den man auch Jahre nach Renovierung und Sanierung zerstörten Eigentums noch wahrnehmen konnte, werde ich nie vergessen. Mit 15 Jahren bin ich durch das Parterre unserer Nachbarn mehr geschwommen, denn gelaufen, um dabei zu helfen, zu retten, was zu retten war. Vorbei am träge dümpelnden Klavier-Flügel, dahintreibenden Notenblättern, Kleidungsstücken, die sich in den Fluten verfangen hatten, geborstenen Fensterscheiben, verendeten Fischen und vielem anderen Unrat, von dem ich bis heute nicht wissen möchte, was es im Einzelnen war. Ich erinnere mich an meine Fassungslosigkeit und gleichzeitige Faszination angesichts der Zerstörungskraft von Wasser.
Entwurzelte Bäume, ganze Erdhalden, die sich – losgelöst – mitsamt Geröll nach unten gewälzt hatten. An die breite und deutlich sichtbare Schneise, die der zu einem mächtigen Ungetüm angewachsene Bachlauf hinterlassen hatte. An unzählige ertrunkene Tiere, verwesende Forellen und andere kleine Fische, die noch Wochen später fernab vom Wasser auf den Streuobstwiesen zu finden waren.

Und an das Resignierte, den Zorn auf nicht Greifbares, die Trauer über Verlorenes und letztlich die Erleichterung, nicht alles verloren zu haben in den Gesichtern Betroffener.

Hochwasser – das ist nicht einfach „nur“ Wasser, das die eigenen vier Wände flutet und Zerstörung hinterlässt. Fluten wie die damalige, die heutige und alle anderen nehmen den Menschen von einer Stunde zur anderen die Sicherheit und Geborgenheit des eigenen Heims. Es ist leicht gesagt, dass meist nur materielle Schäden entstehen und man vom Glück reden dürfe, wenn Leib und Leben unversehrt geblieben sind. Es ist leicht gelesen, dass ganze Stadtteile evakuiert werden. Und ebenso leicht stellt es sich vor, wie man im Anschluss gemeinsam die Ärmel hochkrempelt, positiven Sinnes anpackt und sich den eigenen Grund und Boden zurückerobert.

Als ich heute durch den Garten ging,  breitete sich in Gedanken unter meinen Füßen Wasser aus. Ich sah ihm dabei zu, wie es meiner Hände Arbeit mit sich nahm. Wie all die Pracht, über die ich hier und anderswo so gerne berichte, darin versank. Wie es seinen Weg nahm, über die Schwelle unserer Haustüren hinweg und wie es stieg und stieg.

Schleswig-Holstein ist Wassermassen gewöhnt. Über Jahrhunderte hat man hier den Deichbau perfektioniert, gelernt, die Häuser auf Warften zu bauen, dem Meer Land abzutrotzen und die starken Niederschläge in zahllosen Gräben und Au-Läufen zu bändigen und in die gewollte Richtung zu nötigen. Oft stehen bei uns Straßen unter Wasser, verwandeln sich Wiesen zu Seenplatten, steigen Gräben über ihre Ufer und legen Weiden den Wunsch nahe, es besser mit dem Anbau von Reis denn mit dem anderen Getreides zu versuchen. Rinder- und Schafrassen wurden gezüchtet, deren Hufe der ständigen Nässe und Feuchtigkeit zu trotzen in der Lage sind. Das nahelegene Moor verwandelt sich immer wieder in einen einzigen bräunlich-silbern schillernden Spiegel und damit in ein besonderes Naturschauspiel. Deich- und Sielverbände, Schleusenanlagen und Wälle stehen ganz im Zeichen von Wasser.

Aus der Naturalis historia:

[…]In großartiger Bewegung ergießt sich dort zweimal im Zeitraum eines jeden Tages und einer jeden Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. In ihren erbauten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt, und Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen. Von ihren Hütten aus machen sie Jagd auf zurückgebliebene Fische. Ihnen ist es nicht vergönnt, Vieh zu halten wie ihre Nachbarn, ja nicht einmal mit wilden Tieren zu kämpfen, da jedes Buschwerk fehlt. Aus Schilfgras und Binsen flechten sie Stricke, um Netze für die Fischerei daraus zu machen. Und indem sie den mit den Händen ergriffenen Schlamm mehr im Winde als in der Sonne trocknen, erwärmen sie ihre Speise und die vom Nordwind erstarrten Glieder durch Erde. Zum Trinken dient ihnen nur Regenwasser, das im Vorhof des Hauses in Gruben gesammelt wird.“

Plinius: Naturalis historia XVI 1, 2-4

Die Natur rächt sich sicherlich nicht. Rache ist ein durch und durch menschliches Gefühl. Aber sie lässt sich nichts gefallen, das ihren über Jahrtausende entstandenen Mechanismen das Zusammenspiel verhindert. Erst gestern war ich in eine Diskussion verwickelt, im Rahmen derer es um ein riesiges Motorsport-Ressort gegangen war, entstanden inmitten einer schützenswerten Natur. Man habe Arbeitsplätze geschaffen in einer ansonsten strukturschwachen Region. Die Wirtschaftskraft gestärkt.

Vielleicht wird es sich kurz über lang auch in vielen anderen Bundesländern durchsetzen müssen, auf Keller zu verzichten und die Häuser auf Pfählen zu errichten, so, wie das in Schleswig-Holstein seit Jahrhunderten Brauch ist?

Allen von Hochwassern und Überflutungen betroffenen Menschen wünsche ich alles Gute und viel Kraft im Kampf gegen Schlamm und Trümmer.
Hoffentlich dürfen auch Sie bald wieder durch einen intakten Garten gehen und trockenen Fußes durch die Etagen Ihres Hauses.

3 Kommentare zu “Land unter…

  1. Da hast du Grausiges sehr schön beschrieben, Heike, und hast so recht mit dem Einfluss, den wir nehmen und somit vieles selbst verursachen. Im Grunde handelt es sich oft um eine Rache, die wir uns selbst zuzuschreiben haben. Wir selbst haben uns immer einen Berg oder Hügel ausgesucht (wegen der Sicht) und sind froh, diese Sorge nicht zu haben, aber auch ich wünsche allen Betroffenen guten Mut!

  2. Der Mensch hat bei allem Fortschritt oft die Natur missachtet. Ich denke hier z. B. an die unnötig verdichteten Böden, Vernichtung von Schwemmland und vieles mehr…
    Ich hoffe auf wenig Worte, aber auf viele Taten im Sinne der Leidtragenden:

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