Erdbeermund tut Wahrheit kund…

Der Mensch wird ja hin und wieder nach seinen Schwächen befragt. Eine der meinen ist ganz klar, das richtige Maß zu finden.
Abgesehen davon, dass der Rhabarber in jener Hülle und Fülle gedieh, die ihm selbst grad recht war, waren bei den dunkelroten reifen Erdbeeren meine Augen mal wieder größer, als die Vernunft das gern gehabt hätte.

Ein paar Gläser Marmelade hätten es werden sollen und nun stehen 20 davon eine Etage tiefer, um abzukühlen. Der Duft der mit Zucker und Rharbarber verkochten Köstlichkeit zieht durch das ganze Haus verströmt Sommerlaune.

Es muss mein liebstes Jugendbuch gewesen sein, das in mir diesen Jäger- und Sammlertrieb auslöste – „In den Wäldern am kalten Fluß“ von William Judson.

Ein Vater nimmt seine Tochter und seinen Sohn mit auf eine Tour durch die Wälder am Cold River. Er bringt beiden, Lizzy und Tim, viel Wissenswertes über das Land, die Natur und die Tiere bei. Zeigt ihnen, wo und wie sie in der Wildnis Nahrhaftes finden – Beeren, Knollen, Wurzeln und energiereiches Kleingetier. Kaninchen, sagt er beispielsweise, dürfe man nicht ausschließlich essen, ihr Fleisch sei eisenarm und über kurz oder lang würde der Mensch zwar nicht verhungern, aber Mangel leiden. Während der Fahrt mit dem Kanu durch abgelegene Täler, tiefe Wälder, über Stromschnellen und kleinere Fälle geschieht ein Unglück. Das Kanu kentert und ein guter Teil der Ausrüstung geht mit ihm verloren. Die schweren Verletzungen lassen dem besorgten Vater eben so viel Zeit, Lizzy und Tim darauf vorzubereiten, ohne ihn zu überleben und vielleicht sogar den Weg zurück nach Hause zu finden. Schließlich sind die beiden Kinder alleine und ihr Überlebenskampf beginnt. Ich war fasziniert davon, wie viel die Wildnis bietet, um Hunger und Durst stillen zu können. Und habe gemeinsam mit Lizzy und Tim wilden Knoblauch gesammelt, essbare Beeren, ich habe Fische gefangen, Kaninchen und Vögel, wildes Korn gefunden und kultiviert, den eisigen Winter überstanden, gegen Bären gekämpft, Honig gesammelt und vieles mehr. Das war DAS Abenteuer meiner Jugendzeit und das Schöne ist: Das Buch wird noch immer verlegt, gekauft und gelesen.

Jedenfalls habe ich mir damals geschworen, das auch schaffen zu können. Es fehlte meiner Vorstellungskraft zwar an Gelegenheiten, gleich beide Eltern zu verlieren und auch daran, mir das Fleckchen Erde innerhalb Deutschlands vorzustellen, wo mich dieser große Verlust ähnlich lebensbedrohend würde treffen können. Aber – von diesem Tag an wusste ich: Was immer auch geschehen mag, Heike, du bist dank Tim und Lizzy gewappnet dafür!

Glücklicherweise ist meinen lieben Eltern bis heute nichts geschehen, aber diese Begeisterung dafür, Vorräte zu schaffen (nicht zu kaufen!) – die ist geblieben. Es hängen zwar keine Kaninchen in der Vorratskammer und auch mit eiweißhaltigen Maden halte ich mich nicht auf, aber dafür sind die Regale gefüllt mit Tiegelchen und Töpfen, Gläsern und Karaffen.

Cold River – ich bin bereit!

Und meine zwanzig Gläser Erdbeer-Rhabarber-Marmelade sind es auch.

Erdbeeren

Stangen

Vorbereitung

Es kocht

Gläserfertigbesser

2 Kommentare zu “Erdbeermund tut Wahrheit kund…

  1. Warum muss ich da an Klaus Kinski denken??? Habe heute en route 3kg süsse Kirschen gekauft, die morgen zu köstlicher Marmelade verarbeitet werden…und zu Kuchen und und und…herrliche Sommerzeit 🙂

  2. Liebe Annette, genau den habe ich während des Schreibens mit seinem ERRRdbeRRmund gehört. Und zu den Kirschen ist es hier im Norden noch ein bisschen hin, aber dann …. Von den eigenen Bäumen (Sauer- und Süßkirsche) lassen uns die Starenschwärme gerade einmal die Kerne am Stiel am Baum 🙂
    Wünsche viel Spaß beim Werkeln morgen und freue mich über schöne Bilder von dir.

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