Über eine Schatzkiste und die Vergangenheit…

Pferdegespann

Die Aufnahme entstand vor knapp 10 Jahren im Mecklenburgischen

Menschenskinder – sie sind auf meinem Blog textwerk ein zentrales Thema.
Und auch hier – bei LandGlueck – sollen Menschen eine große Rolle spielen.

In der Redaktion erreichen uns immer wieder wunderbar verfasste Erinnerungen älterer Menschen, die sich ihrer Kindheit und Jugend entsinnen und den Lesern darüber erzählen. Eine von ihnen ist Margret Wolter (74 Jahre jung) aus Brunsbüttel, die mit leichter Feder, feinem Humor und allerbestem Gedächtnis von vergangenen Zeiten erzählt.

Sie macht das so klug und intuitiv geschickt, dass selbst in Erzählungen aus den Kriegsjahren, über Fliegeralarm, Luftschutzkeller und Bombardements dieses Fünkchen Lebensfreude und Frohmut aufglimmt, ohne welches unser Daseins bisweilen recht trübe wäre. Niemals bleibt der Leser unversöhnt oder schweren Herzens zurück. So zu erzählen, ist eine wahre Kunst, wie ich finde.
In der nächsten Woche treffen wir uns auf eine Tasse Kaffee. Ich freue mich sehr auf diese Begegnung und auf das Portrait zur Reihe „Land(s)leute“, das daraus entstehen wird.

Margret Wolters Texte, die hier zu veröffentlichen sie mir freundlicherweise gestattet hat, spiegeln zudem vieles von Mentalität, Land und Leuten im Norden wider. Dazu tragen auch die Passagen bei, die sie mundartlich auf Plattdeutsch wiedergegeben hat.

Überdies habe ich aus einem Nachlass eine kleine „Schatzkiste“ erhalten, in der sich unzählige Aufnahmen und Postkarten aus den Jahren 1900 bis 1945 befinden. Über die abgebildeten Menschen weiß ich bisher noch nichts Genaues. Die Handschriften auf den Postkarten, darunter auch einige von Söhnen verfasste und während der Kriegsjahre durch das Rote Kreuz an ihre Mütter weitergeleitete, werde ich nach und nach entziffern.

Wilster, um die kleine Stadt im Landkreis Steinburg geht es im folgenden Text, zählt heute um die 4000 Einwohner und blickt auf eine lange Stadtgeschichte zurück, deren Blütezeit mit Aufkommen des Fernhandels im 16ten Jahrhundert beziffert wird. Die nachfolgenden Bilder habe ich abphotographiert.

Und nun wünsche ich viel Freude beim Lesen.

Hist003

Kleine (unbekannte) Zeitzeugen

15. Juni 1944 – Fliegeralarm!

von Margret Wolter

Fliegeralarm war in meiner Kindheit eine häufige Begebenheit. In der ersten Zeit liefen wir beiden Mädchen mit Mutti zum Rathauskeller. Bis zur Entwarnung saßen wir dicht gedrängt mit etwa einhundert anderen Familien auf Bänken entlang der beachtlich dicken Wände. Dann, vielleicht 1943, durften wir, die Nachbarn der unteren Blumenstraße, mit in Kruses Bunker. Dieser Betonbunker, von außen sah er aus wie ein schwarzer Würfel, gehörte der Familie des Bauunternehmers Kruse. Ich glaube, dass Frau Kruse uns aus Mitleid gemeinsam mit den anderen Frauen und Kindern einließ.

Leise lief das Radio, das war kein Volksempfänger sondern ein großer Holzkasten mit Klappdeckel, unter dem sich ein Grammophon verbarg. Das Radio hatte Vati aus Frankreich mitgebracht und viele Stunden lang musste ich gemeinsam mit meiner Schwester Karin die Namen der Stationen auswendig lernen. Am schwierigsten zu lernen war Ljubljana, noch heute zerbricht es mir die Zunge. Im Radio also kam die Meldung, dass feindliche Verbände nördlich von Hamburg im Anflug seien. Draußen ertönte Voralarm. Dann ging die Hektik los. Über das tägliche Zeug wurden in Windeseile eine Trainingshose, eine gutes Kleid, eine Wolljacke und unsere schönen Samtmäntel gezogen. Dann ging es im Eilschritt (ich hopste) die Treppe herunter zu Harders, unten im Haus. Dort vermummte Tante Harder ihre drei Kinder Heini, Harro und Traute genauso. Einmal war so ein furchtbares Durcheinander, dass Heini aus Versehen seine einzigen Stiefel die er besaß, in den heißen Backofen steckte und dann auf Socken zum Bunker musste.

Der schlimmste Alarm war am 15. Juni 1944.

Wir waren auf der Treppe und hatten das Gefühl, unser 200 Jahre altes Haus neige sich zur Seite. Wir erreichten den Bunker und obgleich die beiden Harder-Jungs Heini und Harro nicht mit im Bunker waren, blieb alles „ganz normal“. Schon bald heulte die Sirene Entwarnung und erst als wir die beiden Jungs sahen, mussten wir fruchtbar lachen: Sie waren nur bis zur Schmiedewerkstatt auf Kruses Platz gekommen und vor Schreck (oder wegen der Druckwellen der Detonationen) in einen großen Pott Schmieröl gefallen. Sie trugen weiße Leinenhosen und sahen urkomisch aus mit dem schwarzen Öl, das an ihnen herunter tropfte. Wir gingen schnell nachhause, denn irgendwie war alles unheimlich. Da kam unsere Oma Ott, die damals in der Adolf-Hitler-Straße, unserer heutigen Rathausstraße, gewohnt hatte, auf Kruses Gartenweg entlang zu unserem Haus gelaufen. Warum trug sie einen lilafarbenen Hut?

„Ik heff een Stück Iesen in Kopp, du muß mi hölpen,“ sagte sie. Mutti nahm den Hut ab und Blut lief an Omas Kopf und Hals herunter. Mutti holte einen Stuhl und Verbandszeug aus dem Haus und ganz ruhig, wie sie es tausendmal in der Frauenhilfe geübt hatte, verarztete sie Oma Ott und zog dabei ein kleines, spitzes Eisenstück aus deren Kopf. Oma hatte nicht eine Träne geweint, nahm ihren Hut in die Hand und ging ohne Begleitung wieder zurück in ihr Haus. Wir Mädchen blieben bei Tante Harder und Mutti ging pflichtbewusst zur Versorgung der Verletzten in die Lumpesche Mühle.

Die Bomben hatten Wilster sehr schwer beschädigt. Der Bürgermeistergarten, die Fahnenhalle, die Lumpesche Mühle, der Steindamm, die Kirche, das Wilstermarschhaus, das Menckestift – alles war getroffen worden. Es gab über 40 Tote und viele Verletzte, viele Menschen waren obdachlos geworden. Die Toten wurden in der Turnhalle der Volksschule aufgebahrt.

Von da an hatte ich meine eigene Methode für den Weg zum Bunker entwickelt. Ich lief mit fest zusammengekniffenen Augen und glaubte, wenn ich nichts sehen würde, dann könnten die Feinde mich auch nicht sehen.

Hist001

Aus der Schatzkiste

Hist002

Haltung. (Aufnahme aus dem Fundus)

13 Kommentare zu “Über eine Schatzkiste und die Vergangenheit…

  1. Das stimmt mich nachdenklich, Heike. Habe selbst noch solche Schatzkästchen mit Fotografien aus der Jahrhundertwende und später. Und deine Geschichte lässt mich an die Erzählungen meiner Omas erinnern…schön, dieser Schubser!

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