Ganz genau hingeschaut – von der Bienenweide und anderen filigranen Schönheiten. Und der Widersprüchlichkeit im Menschen …

Ich fahre über Feld- und Landwirtschaftswege nachhause. Links und rechts die Knicks – Erlen- und Weidenbüsche, Holunder und Schlehen in langen Reihen – die den oft heftigen Winden im offenen Marschland Einhalt gebieten und ihre Kraft brechen sollen, weil es an natürlich gewachsenen „Barrieren“ fehlt. Kaum Wald, vereinzelte Baumgruppen, oft windschief gewachsen, einige Büsche – mehr hat man der Natur in der Wilstermarsch nicht gelassen. Dazwischen riesige Weidelandflächen, Mais in Monokultur und vereinzelt ein Kornfeld. Wo kein Baum steht, muss der Bauer bei der Feldarbeit keinen Umweg fahren. Die Maschinen werden immer größer, ja fast schon monströs wirken allein die Räder der Traktoren.

Klee. Einige Lilien. Hahnenfuß. Löwenzahn. Spitzwegerich und Sauerampfer. Sehr selten eine Wicke. Löffelkraut. Wenig mehr noch, das ich blühen sehe. Trostlos. Trist. Und ganz bestimmt wenig förderlich im Sinne eines ökologischen Systems, in dem sich das Leben in einem Kreislauf bewegt, zu welchem Nahrung für diejenigen gehört, die uns Frucht und Ernte überhaupt erst ermöglichen: Die Bienen und ihre Kollegen.

Wo sind all die Kräuter, Gräser und Blüten, die es hier sicherlich einmal gegeben hat? Welchen Sinn haben reine Futtergrasweiden? Für die Bauern? Für das Vieh?

Viel wird geschrieben über das Aussterben ganzer Bienenvölker, über tückische Parasiten, Keime und Pilze, die den kleinen Honigsammlern den Garaus machen sollen. Wenn ich mich umsehe allerdings, finde ich wenig Gründe in meiner Umgebung, weshalb ein Bienenleben hier überhaupt Sinn machen sollte. Für die Biene.

Es sind die vielen liebevoll gepflegten Gärten, die in dieser grünen Tristesse zu Inseln werden, für alles, was kreucht und fleucht. Ich fahre an einem Hof vorbei, der eigens für den wild wachsenden Storchenschnabel ein ganzes Stück Wiese den Sommer über stehen lässt. Jedes Mal freue ich mich darüber. Einer meiner nächsten Artikel für die Zeitung soll darauf eingehen. Das nehme ich mir fest vor.

Mein eigenes kleines Projekt „Bienenweide“ macht mir einen Heidenspaß. Und lässt mich gleichzeitig am Sinn und Unsinn dieser Welt verzweifeln.
Die Bienenweide Apis Vitalis der Bayer AG – eine 50 Gramm-Samenmischung, die ich geschenkt bekommen habe – hat sich zu einem echten Hingucker entwickelt. Geschätze 10 Quadratmeter Weide dürfen wachsen, blühen und werden erst geschnitten, wenn sich keine Blüte mehr zeigt.
Die Bayer AG führt gleichzeitig – wie bekannt sein dürfte – etliche Produkte zur „Gartenhygiene“ im Sortiment. Kein Kraut, kein Moos, kaum ein Insekt – gegen welches man bei Bayer keine Lösung parat hat. Liest sich die Beschreibung zur „Bienenweide“ wie ein vollmundiges Versprechen zur Rückkehr in eine natürliche Vielfalt, kann man einen Klick weiter Banvel M Syngenta erstehen. Eine Chemikalie, die so ziemlich alles vernichtet, woran jede Biene einen Heidenspaß haben dürfte.
Aus der Beschreibung: „…gegen zweikeimblättrige Unkräuter, Ackerschachtelhalm, WeideAmpfer-Arten, Kanadisches Berufkraut, Bibernelle-Arten, Gemeines Bitterkraut, Gänseblümchen, Distel-Arten*, Gänsefingerkraut, Hahnenfuß-Arten, Herbstzeitlose, Hirtentäschelkraut, Echte Kamille, Klee-Arten, Wiesenknöterich, Wiesen-Labkraut, Löwenzahn- Arten, Gemeiner Pastinak, Ackerschachtelhalm, Schafgarbe-Arten, Scharbockskraut, Vogelsternmiere, Violette Taubnessel, Wegerich-Arten, Weidenröschen-Arten, Ackerwinde, Weiße Wucherblumen.“

Als wisse die linke Hand nicht, was die rechte treibt? Nein. Bayer bedient lediglich einen Markt.
Den der Zierrasenfreunde. Den der gedankenlosen Liebhaber vermeintlicher Ästhetik. Einen Markt, in dem die rechte Hand zerstört, was die linke Hand an Gutem tut. Einen Markt, der aus Bequemlichkeit Chemie auf alles kippt, was ihm fehl am Platz scheint. Den kleinen Bauern, der sich nicht bücken mag. Und den großen Bauern, der aus ökonomischen Gründen den Umweg scheut.

Manchmal muss ich auf die Geest fahren und die ursprünglichen und noch immer sandigen Ufer dieser einmaligen Landschaft aufsuchen. Einfach um sehen zu können, welche Vielfalt dort gedeiht, wo der Mensch weitgehend seine Finger aus dem Spiel lässt. Und Heimweh befällt mich dann. Nach den wunderschönen Blumen- und Kräuterwiesen der Schwäbischen Alb. Nach den Bergwiesen der Alpen.

Meine „Bienenweide 2013“ ist ein Zufallsprodukt. Im nächsten Jahr wird sie noch schöner und artenreicher werden. Und ganz sicher nicht mehr von der Bayer AG stammen.

Mein heutiger Blick auf den Garten
befasst sich mit den Kleinigkeiten, mit den Details,
mit dem genauen Hinsehen.
Viel Freude mit den Bildern.

Wiese

Ein Wiesenausschnitt. Leider lässt sich der Zauber nicht wirklich auf Bildern einfangen.

Blautupfer

Kompo3farben001

Rot

Mittenmang eine kleine, einzelne rote Schönheit.

Hummel

Zartlila

WeißmitRot

Orange

Zartrosa

Graeser

Hummelanflug

Erdbeerblümchen

Kornblume

Nest

Ein Nest. So Filigran. Und liebevoll geflochten. Aus Rosshaar, Moosen und allem, was der kleine Vogel für zweckmäßig hielt.

Feuerblume

Kompo3farben001

Schädel

Eines von vielen Überbleibseln des Lebens, die ich im Garten und der Umgebung finde und sehr mag. Diese morbiden Schönheiten haben mich schon als Kind fasziniert.

HummelInWicke

Quartettzartlila

Mohn

Paula

Paula – ganz genau auf den Schnabel geschaut.

8 Kommentare zu “Ganz genau hingeschaut – von der Bienenweide und anderen filigranen Schönheiten. Und der Widersprüchlichkeit im Menschen …

  1. Du hast mir aus der Seele gesprochen, Heike! Ich erinnere mich, dass frühere Nachbarn den Rasen 2 mal wöchentlich gemäht und quasi mit der Pinzette die vermeintlichen Unkräuter gezupft, Salz in die Ritzen der – natürlich betonierten oder Platten verlegten – Wege gestreut haben, damit rein gar nichts mehr wachsen kann. Ganz anders hier im Dorf: hier sprießt aus jedem Eckchen, aus jeder Fuge etwas. Liebevoll werden die Vorgärten bepflanzt – ohne die Immergrünen, ja so praktischen Gewächse, die so langweilig aussehen…
    Ein ganzes Buch könnte man schreiben, um den Frust darüber los zu werden. Ich freue mich über deinen Artikel!
    LG Sabine (und natürlich über deine wunderschönen Fotos)

    • Hallo liebe Sabine, diese „Nagelscherenkandidaten“ haben wir hier auch. Und auf der anderen Seite fahre ich täglich an so vielen wirklich wunderschön angelegten Gärten vorbei, in denen auf den ersten Blick alles passt. Allerdings muss ich mich selbst auch an der Nase fassen: Es hat eine ganze Weile gedauert, ehe ich Brennnesseln, Giersch, Vogelmyrrhe und Co. nicht mehr als Feinde begriffen habe. Wo ich sie nicht haben mag, weil sie allem anderen den Atem nehmen, grabe ich sie aus. Nur bei den Schnecken – da komme ich nicht gegen an. Wenn ich sehe, wie sie alles vertilgen, was ich mühevoll oft selbst gezogen habe, dann bin ich versucht, die Giftkeule zu schwingen. Bisher werden sie mit der Gartenharke guillotiniert. Irgendwann startet die Art sicher ihren großen Rachefeldzug und ich werde im Schlaf unter einem Berg von Schleim erstickt 😀

  2. Ach, du sprichst mir so aus dem Herzen, Heike. Es ist traurig, zu sehen, wie die Artenvielfalt an allen Ecken abnimmt, dabei die Menschheit sich munter weiter vermehrt, als würde sich der Planet endlos ausdehnen. Alles, was ungemütlich ist und nicht passt, wird platt gemacht, und ich bekomme manchmal Angst. Wollen wir etwa wie die Chinesen alles von Hand bestäuben? Hast du den Film More than honey gesehen? Überall fragt man sich scheinbar überrascht, warum die Bienen sterben, dabei liegt es klar auf der Hand. Du hörst dich etwas traurig und wehmütig an. Hast du Heimweh? Ich bin froh, noch eine blühende, wilde Oase gefunden zu haben, auch wenn ich mich hie und da mit Rudolfs „rumschlagen“ muss ;).
    Gestern kam das Buch Genesis von Sebastiao Salgado, das würde dir auch gefallen. Ebenfalls ein Plädoyer, endlich die Notbremse zu ziehen…und betrüblich, dass er wahre, unberührte Schönheit nur noch selten vorgefunden hat. Das Buch ist Balsam für die Seele, verzeih den schnöden Ausdruck.

    • Du wirst lachen, Annette. Gestern hab ich mit Q-Tipps Wattestäbchen bei den Tomaten nachgeholfen. Die öffnen aber in diesem Jahr auch ihre Blüten nicht richtig. Die Stauden hängen voller Blüten, und mit Früchten ist es Essig 😦 Wir werden wohl doch nicht um ein Gewächshaus herum kommen. Und ja – ich bin immer etwas wehmütig, aber nicht traurig, wenn ich an den Süden denke. Und wenn ich im Süden bin, fehlen mir Wind und Weite von hier oben. Und ich bin dankbar, dass ich beides kenne. Und mag 🙂
      Das Buch ist notiert. Kommt auf die Leseliste! Vielen Dank für den Tipp.

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