Sie wollen den totalen Krieg…

Von Insekten lernen heißt siegen…
Jenseits aller Foto-Romantik und broschürenhafter Landhausidylle krabbelt es, kriecht es, kreucht es und zieht silbern glänzende Schleimspuren über alles, was mit viel Geduld, Liebe und großer Hoffnung auf reiche Ernte gesät und gepflanzt wurde. 1,2 Millionen Insektenarten sprechen für den biologischen Erfolg einer Spezies, deren Immunsystem hervorragend arbeitet. Der asiatische Marienkäfer hat der Wissenschaft den ersten Fall biologischer Kriegsführung präsentiert, wie der Biologe Andreas Vilcinskas (Universität Gießen) in einem Interview im Tagesspiegel berichtet. Das Krabbeltier verfügt über Harmonin, einen Stoff, der es gegen einzellige Parasiten immun macht, an denen wiederum der einheimische Marienkäfer zugrunde geht.

Insekten leben seit etwa 500 Millionen Jahren auf der Erde und das werden sie vermutlich auch dann noch tun, wenn unsere eigene Spezies längst Geschichte ist. In der Zwischenzeit aber fühlen sich etliche Arten im Wolfsnest unglaublich wohl.

Das große Fressen…
Eine davon ist die Raupe des Kohlweißling. Als ausgewachsener Tagfalter ist der Plagegeist ein echter Hingucker. Im Raupenstadium wird er zum blättervernichtenden Vielfraß, vor dem keine Kohlsorte sicher ist. Im vergangenen Jahr musste eine seltene Sorte unseres selbstgezogenen Braunkohls dran glauben. Tag für Tag habe ich Dutzende der farblich hervorragend getarnten Nimmersatte abgesammelt. Die Eier der Tiere sind kaum zu sehen, stattdessen finden sich bis hinein in die zarten Knospen der Kohlblätter ihre Kotspuren. In dieser Saison geht’s im Wolfsnest dem Kohlrabi und dem Rosenkohl an den grünen Kragen und mir gehörig auf den Sender.

RaupeMakro

Grün auf Grün – ich werde eine Brille brauchen…

ZerfressenesBlatt

Lochfraß… ein Vernichtungskrieg.

Biologische Kriegsführung?
Das kann ich auch! Heute morgen jedenfalls gab’s bei den Entenküken Pelle & Paula Raupen zum Frühstück. An Banane, Melone und Mais.

Raupengetümmel

Ein Blick ins Getümmel…

Das große Fressen

Mahlzeit!

Sind die Raupen abgesammelt (ich werde mir nun doch eine Brille kaufen müssen) geht es den Schnecken an den Kragen. Heerscharen davon kriechen Abend für Abend aus ihren dunklen Verstecken. In diesen Tagen feiert die schleimige Bagage Hochzeit und sorgt vor meinen Augen für die nächste gefräßige Generation. (Nebenbei erwähnt: Recht hübsch sieht das aus, wenn sich Herr und Herr bzw. Frau und Frau Schnecke in aller Gemütsruhe der zwitterlichen Vereinigung hingeben. Bandscheibenschäden oder andere Malaisen sind bei dieser Art von Sex jedenfalls eher weniger zu befürchten. Von „Insekten“ lernen …) So viele Laufenten, wie ich ich Schnecken zähle, werde ich niemals haben können.

Gift scheidet aus. Zum einen mag ich Tiere nicht unnötig quälen. Auch nicht die, die ich nicht mag. Und zum anderen möchte ich weder Igel noch Frösche oder andere Gäste in meinem Garten mit Chemie an den Kragen.

Igel

Hausgast Horst, der Igel…

Froschnah

Fragt man bei anderen Hobbygärtnern nach, erfährt man von den abenteuerlichsten Methoden menschlicher Kriegsführung. Nachbar Uwe rückt den schleimigen Gesellen mit einer ausgedienten Grillzange zu Leibe. So gesammelt, landen die Dinger im Eimer mit Essigwasser. (Uwe meint, die hätten dann noch eine Chance… Haben sie nicht.) Die Säure zerstört den Schleim und die Tiere ersaufen. Andere wiederum zerschneiden… Muss ich nicht näher ausführen. Klingt eklig. Ist eklig. Und nicht mein Ding. Auch meine eigene Methode (ich habe mich von der Französischen Revolution inspirieren lassen) führe ich nicht weiter aus. Sie ist nicht minder eklig. Aber sie endet tödlich. Und zwar umgehend.

Schnecke

Habe ich dann Schnecken und Raupen hinter mir gelassen, steige ich in meine Gummistiefel und gehe „Fußball“ spielen. Zugegeben: Es sieht merkwürdig aus, wenn ich die Erdhügel der Maulwürfe mit der Stiefelspitze in einen Freistoß verwandle. Und: Es schmerzt ungemein, wenn sich heimlich unter die Erde ein fieser Stein geschmuggelt hat. Aber: Die Maulwürfe sind einfach zu nett, um ihnen mit brachialen Mitteln auf den kleinen schwarzen Pelz zu rücken. Und einige von ihnen landen ja doch, weil blind und bisweilen überaus unbelehrbar, zwischen den Zähnen der Kater Jimmy und Samy. Eine natürliche Auslese also, die den Maulwurf und seine umfangreichen Erdarbeiten gerade so erträglich sein lässt.

MausinMIlch

The little Mole on his (last) milky Way…

SammymitMaus

Schmecken nicht, werden trotzdem gejagt…

Last and (fast) least wäre da die Wühlmaus. Den Katzen schmecken die Viecher nicht, anders ist es nicht zu erklären, dass sie sich hier alles trauen. Ihre Löcher sind hie und da so groß, dass die Ponys oder wir Gefahr laufen, uns die Knochen zu brechen. Keine Knolle, keine Zwiebel, kaum eine Wurzel ist vor ihnen sicher. Tulpen im Wolfsnest? Fehlanzeige! Geschätzte zwei Kilogramm Zwiebeln nahmen ihren Weg durch das Verdauungssystem der Nager.

Blieben noch die Pilze, die uns im aktuellen Gartenjahr die heiß geliebte Goldparmäne (†) für immer genommen haben. Am Apfel meiner Kindheit, geklaut auf den Streuobstwiesen rund um mein Elternhaus, hatte ich solche Freude gehabt. Die Äpfel waren zwar klein, die Häute fest, aber der Geschmack war einfach köstlich. Und Geschichte.

Wann und wenn immer ich dann auf der Bank sitze, mächtig gefrustet, dann denke ich an Generationen von Menschen, deren Überleben von der gelungenen Ernte auf dem eigenen Feld, im eigenen Garten abhängig war. An Familien, die den langen Winter über aßen, was die Arbeit der eigenen Hände und die Ernte ihnen zum Leben gaben. Und dann geht es mir auch gleich ein wenig besser. Schließlich hängt nicht mein Leben vom Rosenkohl, Mangold, Apfel oder der Zucchini in meinem eigenen Garten ab. Nur mein kleines Gärtnerglück.

Und gärtnern – das ist eben auch immer ein Teilen. Ein Teilen der Freude über den Schmetterling mit dem Zorn auf die Raupe.
Den Krieg – den kann ich ohnehin nicht gewinnen!

KohlweißlingWicke

Wünsche frohes Schaffen und gutes Gelingen in all euren Gärten.

5 Kommentare zu “Sie wollen den totalen Krieg…

  1. Das ist ein wunderbarer Beitrag, liebe Heike. Teilen lernen – ja, das tut man als Gärtner, ist oft gefrustet, aber in vielen Momenten auch beglückt. Wie schön, dass es dich und dein Wolfsnest gibt und du unseren Alltag mit deinen super geschriebenen Texten bereicherst. Trink ein Glas Wein auf der Gartenbank, ganz bestimmt wird dein Gärtnerglück bald wieder einen Aufschwung erleben 🙂

  2. Und wenn du weiter so fein schreibst, dann verrate ich dir, was ICH mit dem Schneckenpack mache 😉 So lange tut es einfach nur gut, dass andere,noch mieser dran sind, als ich selbst … Danke dafür. Und Glückauf! Und Trost. Irgendwas bleibtimmer übrig.

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