Spätsommerwald – von Trollen, Grabsteinen, wilden Rindern und einem Waldspaziergang

24. August 2013 – ein unglaublich schöner Spätsommertag. Blauer Himmel,  Sonnenstrahlen und ein kräftiger Wind, der fast die Nordsee riechen lässt.
S. liebt das Land, weil – sagt er – er hier unglaublich weit blicken kann. (Reist Besuch für Sonntag an, kann man ihn Samstag bereits kommen sehen.) Immer, wenn ich in den Raum Stuttgart reise, wo meine Eltern leben, fällt mir auf, wie eng besiedelt die Region ist. Im Landeanflug auf Stuttgart greifen Dörfer und Städte links und rechts vom Neckar ineinander über und verschmelzen aus der Luft betrachtet zu einem einzigen riesigen Flecken menschlicher Ansiedlung. Um über weitere Strecken unbebaute Landschaft zu genießen, muss man auf die Schwäbische Alb fahren. Insofern genieße ich diese Weite hier ebenfalls.

Aber: Oft fehlt mir der Wald.
Seine Artenvielfalt, das Gefühl von Schutz und Geborgenheit, das oft auch von einem Moment zum anderen umschlagen kann in ein Gefühl geheimnisvoller Anspannung. Mir fehlen die Bäume, über Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsen, Unterholz, weicher, federnder Boden, dieser feucht erdige Duft, knackende Zweige und die Erwartung, vielen Tieren in ihrem Rückzugsgebiet begegnen zu dürfen.

So, wie gestern – als ich mich gegen Abend ins Auto setze, um nach Kleve zu fahren. Kleve liegt auf der Geest, war vor vielen tausend Jahren also Strandgebiet. Das Wolfsnest liegt im Marschland, dazwischen Moorebenen. Alleine die Fahrt durch den vor Insekten sirrenden Sommerabend ist schon eine Freude. Am Blutweiderich, der die Gräben säumt und in der Abendsonne weithin violett leuchtet, versammeln sich Scharen weißer Schmetterlinge zu ihren flatterhaften Tänzen.

Im Wald angekommen, parke ich an einem der für mich schönsten Fleckchen in naher Umgebung. Die weitläufigen Weiden mit ihren vereinzelt stehenden uralten Bäumen erinnern mich jedes Mal an Marbach auf der Schwäbischen Alb, wo Baden-Württembergs Haupt- und Landgestüt ebenso idyllisch liegt.

Und dann geht es los, über weichen Sandboden, Wiesenwege zwischen Waldhainen, durch Hohlwege unter Tannen und Fichten hinweg. Die erste Pilzernte ist bereits vorüber, davon zeugen die mit Messer durchtrennten Reste der Fruchtkörper. Über unglaublich weiche weil mit Tannennadeln übersäte Strecken, vorbei an den Bauten von Fuchs und Dachs. An moosbewachsenen Erdhöhlen, in denen ohne Weiteres auch kleine Trolle hausen könnten. Gänsehaut läuft über Arme und Schultern, als ich diesen merkwürdigen „Gedenkstein“ weiß im Unterholz aufleuchten sehe. Erst denke ich an ein verstecktes Hundegrab, später wird mir Anne erzählen, dass das auch ein sog. „Geo-Cache“ sein könnte, also ein Rätsel, das Fans der Disziplin über Koordinaten lösen. Erst zuhause – beim Betrachten der Bilder – entdecke ich das zweite Gesicht des „Toten“.
Obwohl ich leise bin, bemerken mich die Rehe vorzeitig und flüchten in Zickzacksprüngen durchs mannshohe Farn. Zuvor entdecke ich ihre Spuren im Maisfeld, die ihrer Klauen und die ihrer Zähne.

Einen Heidenspaß habe ich, als ich auf einer mitten im Wald gelegenen Weide einer Herde von Jungrindern begegne. Und für die scheine ich eine willkommene Abwechslung zu sein. Überhaupt – bei Wind und Sonnenschein haben viele Tiere gute Laune. Sie galoppieren parallel zu Waldpfad und Weidezaun und begleiten mich, bis ich aus ihrem Blickfeld bin.

In der Stille diesen wunderschönen Waldes lässt sich wunderbar nachdenken. Einmal wüsste ich noch gern, wie viele Kilometer ich in meinem Leben schon auf Wanderungen und ähnlichen Spaziergängen zurückgelegt habe. Ich vergleiche viele Szenen mit anderen Landschaften, die ich gut kenne. Glaube mich im Allgäu, in Oberbayern, an der Ostsee und im Berliner Unterholz und in vielen Momenten auch in den Wäldern meiner Kindheit.

Das werde ich (wieder) öfter machen – im Wald spazieren gehen, nehme ich mir vor.
Und lade herzlich ein, mich – zumindest über die folgenden Bilder – durch den Klever Wald zu begleiten.

Pferdeweide

Wiesenweg

Schafgarbe

Tannzapfen

Waldameisen

Mistkäfer002

PilzmitLochfrass

Mistkäfer001

Pilzhut

Feder

PilzmitSpinne

Holzzeichen

ZweigmitNetz

Moos

Brombeere

BlattaufSchwarz

MoosMakroHalm

Ebereschenbeeren

NetzgegenHimmel

FarnSonne

Grabstein

RIP

Grasähre

Vogelhaus

Gelbeblüte

Talweg

Zapfenernte

Salzleckstein

Rehspur

Maisangenagt

MaismitHaar

Matschstück

Nessel

KüheimWald

Spinngewebe

KühealleFünfe

KüheViere

Holunderreif

SchimmelImGegenlicht

Pferdebekleidet

LetztesWegstück

Schlussbild

6 Kommentare zu “Spätsommerwald – von Trollen, Grabsteinen, wilden Rindern und einem Waldspaziergang

  1. Bin barfuss mit dir über die weichen, mossigen Wege gelaufen, habe sanft feuchte Kuhmäuler gestreichelt, den harzig-würzigen Waldduft eingeatmet, gegen Spinnweben geblasen, Zapfen für den Kamin gesammelt und mich mit deinen Gedanken in die Lüfte geschwungen – danke für den schönen Spaziergang!

  2. Vielen Dank für eure netten Kommentare. Ich war den Sommer über so mit meinem eigenen Garten befasst und all den Dingen rund um Haus und Büro, dass ich glatt vergessen hatte: Es gibt da noch viel mehr 🙂
    Schön, dass ihr mich bei den Spaziergängen begleitet!

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