20 Dinge, nach denen niemand fragt… #blockstöckchen

Heut wirds persönlich bei LandGlück

Blockstöckchen sind eine feine Sache. Jemand hat eine Idee, andere bekommen sie zugespielt, greifen sie auf und ratzfatz denken eine Menge Menschen über dasselbe Thema nach und kommen zu wunderbar individuellen Ergebnissen. Manchmal sind es auch schlicht Gedankenanstöße, so wie neulich, als via Blogstöckchen die Frage nach dem Begriff „Heimat“ durchs Netz tingelte. Über eben diese „Heimat“ hab ich lange nachgedacht, und dann diesen einen unglaublich klugen Satz gelesen. Und aller bis dahin geschriebene Text war überflüssig geworden.

„Heimat ist ein Ort, von dem man träumt.“

Heute hab ich bei Wibke Ladwig das nächste Blogstöckchen entdeckt. „20 Dinge, nach denen niemand fragt.“
Wibkes Kreativität ist fantastisch. Diese Frau schreibt, sie zeichnet, sie blogt, sie wirbelt auf Podien, Buchmessen, durchs Netz, über Wortweiden und ab und an  – wenn es die Zeit zulässt  – auch durch die Eifel. Oder sie nimmt Stöckchen auf und zaubert. So wie hier: 20 Dinge, nach denen niemand fragt – beantwortet mit Sinn und Verstand

Das Blockstöckchen lege ich auf diese Holzbank am Kanal. Es wartet darauf, mitgenommen zu werden. Von dem Menschen, der das möchte. Und der Lust hat, in 20 von niemandem gestellten Fragen etwas über sich selbst zu erzählen.

ThorsHammer

Ding 1:
Einmal möcht ich die Welt mit den Augen anderer sehen. Ohne mich festlegen zu wollen, wessen Augen das sind.
Vielleicht sitze ich auf der anderen Seite einer dicken Glasscheibe? Ich habe ein rötlich braunes Fell, sehr lange Arme, einen gütigen Blick und beobachte tagein, tagaus all die Menschen im Zoo, wie sie mich beobachten. Ich sehe sie Grimassen schneiden. Brezeln futtern. Kameras zücken. Kinderwagen schieben. Küsse tauschen. In Handys sprechen. Und ich sitze dort, und schaue zu.

Großeskleinesferd

Ding 2:
Wir waren zu viert oder zu fünft, alle zwischen 5 und 7 Jahre alt. Am Ende der Straße wohnte Andreas. Er war geistig behindert. So, wie zwei weitere seiner drei Geschwister. Einer von uns fing an, die anderen folgten. Wir schubsten ihn. Lachten. Hatten Spaß. Er lachte mit, dann bekam er Angst. Wir lachten noch mehr. Auch dann noch, als er vom Rad gefallen war. Die Haustüre ging auf und meine Mutter kam heraus. Für mich war völlig offen, was nun geschehen würde. Oder anders gesagt: Da war kein Fünkchen von Schuld in mir. Andreas bekam mein Osternest. Ich Hausarrest. Und zudem mit allen anderen eine unvergessene „Predigt“. Es sollte nie wieder danach eine vergleichbare Situation geben, in der ich auch nur eine Sekunde Zweifel haben würde, was richtig ist und was falsch.

Ding 3:
Ich bin inkonsequent konsequent.

Ding 4:
Meine große innere Sehnsucht ist so unbestimmt, dass ich sie mir nicht werde erfüllen können. Es sind Kleinigkeiten, die dieses Gefühl auslösen. Wie dieser Tage die Gänseschwärme, die laut rufend über den Horizont ziehen. Oder ein Musikstück. Das Geräusch, wenn sich Wellen am Strand brechen, zurück rollen und den Sand mit sich nehmen. Oder der Duft von frisch gebackenem Brot und Holz im Ofen. Ein Foto. Weite. Oder auch Enge. Diese Sehnsucht kennt keine Zeit und keinen Ort, aber sie ist Motor für vieles, was ich tue. Und vieles, das ich sein lasse.

OrdingStrandGegenlicht

Ding 5
Lieber barfuß, als Lackschuh. Dieser kleine Satz hat große Bedeutung in meinem Leben, weil ich viel zu lange in Lackschuhen unterwegs war. Heute liegen sie einem Karton auf einem Dachboden. Und sind – symbolisch betrachtet – meine Geschichte.

Ding 6
Ich hab ein Faible für alte Menschen. Für ihre Geschichten, ihre Gedanken. Ihr Wissen. Ihre Gebrechlichkeit. Das geht so weit, dass ich mich oft bremse und denke: Nur weil sie alt sind, musst du ihnen noch lange nicht uneingeschränkte Sympathie entgegenbringen. Am Ende aller Gedanken bleibt so etwas wie eine Herzensgüte, von der ich mir wünsche, dass sie mir und anderen geschenkt werden wird, wenn wir alt sind.

Baum

Ding 7
Lärm bringt mich auf die Palme. Mit dem Landleben und dem damit einhergehenden Verzicht auf allerlei Annehmlichkeiten gegenüber einem Zuhause in einer Stadt habe ich mir ein Recht auf Ruhe erkauft. Dachte ich… Pfeifendeckel. Die Lösung? In diesem Punkt Gelassenheit erlangen. Und damit eine ganz neue Form von Ruhe. Und Stille. Die in mir drin.

AbendrotII

Ding 8
Liebe Frau M., Sie sind inzwischen um die 80 Jahre alt. Ihre Ahoi-Brause, der Braune Bär, die Gummischlangen in Ihrem kleinen Laden, Ihre liebe und gütige Art, die Kälber im Hof vom Schlachter nebenan – all das gehörte – unvergessen – zu meiner Kinderzeit. Einmal habe ich bei Ihnen etwas geklaut. Was es war, weiß ich nicht mehr. Dass es so war, tut mir heute noch leid.

Ding 9
Es gibt Dinge, gegen deren Existenz mein Verstand sich vehement wehrt. Wie kann Rassismus entstanden sein? Warum glauben manche, mehr zu sein als andere? 2013 – und noch immer sprechen wir von Adel und blauem Blut? Und manches andere. Ich will nie die Gelassenheit finden, die Dinge die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren.

PilzSolist

Ding 10
Kleopatra. Ja, ich wäre gerne als Kleopatra geboren. Im epochalen Gedächtnis, männermordend und mit an Dramatrugie kaum zu überbietendem Abgang. Oder als Italienerin. Auf Sardinien.

Ding 11
Blumen. Blüten. Farben. Formen. Düfte. Töne. Wind. Sonne. Regen. Dämmerung und Sonnenaufgang. Frost und Nebel. Regen und Sturm. Alles hautnah. In der Stadt gehe ich ein. Und unter. Das Land ist meine Welt, im Wissen um ein Leben in der Stadt.

PampasGras

Ding 12
Ich kann nicht hassen. Und nicht nicht verzeihen. Das hasse ich. (Siehe auch Punkt 3)

Ding 13
Früher… Früher hab ich gedacht, wer „früher“ denkt, ist von gestern. Heute denk ich oft „früher“, wenn ich an morgen denke. Was bin ich also? Von vorgestern? Von heute? Von morgen?

Vintage

Ding 14
Der beste Tag meines bisherigen Lebens war der, an dem es mir am schlechtesten ging. Aus der Gegenwart betrachtet.

Ding 15
Da gibt es eine wunderschöne historische Burg in Umbrien/Italien. Ein Teil von ihr ist restauriert. Sie liegt hoch oben auf den Hügeln und man kann die ganze Weite des Tales überblicken. Den Lago di Perugia, Eichenwälder, Olivenbäume… Nachts schwirren Fledermäuse um die Türme. Im Garten blühen Artischocken, reifen Oliven. Ich war einmal dort. Mit dem falschen Menschen am richtigen Ort. Beim zweiten Mal wird das anders.

Ding 16
Lieber würde ich den größten Umweg in Kauf nehmen oder auch mich zu verlaufen, als denselben Weg wieder zurückzugehen.

Deich

Ding 15
Mädchen meiner Generation sollten hübsch sein, nett, lieb und freundlich. Dafür wurden wir gelobt, gemocht, selten aber anerkannt. Manchmal leiste ich mir heute bewusst den Luxus, auf Nettigkeit zu verzichten, nie jedoch auf Höflichkeit. Das fühlt sich gut an. Und erwachsen. Ein Punkt, an dem ich arbeite…

Ding 17
Kartoffelsalat. Lauwarm, mit Essig, Öl, Salz, Pfeffer und ausgelassenem Speck. Liebe Mama, das hab ich geerbt. Der Gedanke einer Henkersmahlzeit ist gruslig, abgesehen davon, dass ich nichts würde essen können vor Panik. Aber deinen Kartoffelsalat…

Ding 18
Gibt es Fleckchen auf dieser Erde, die noch nie ein Mensch betreten hat? (Ohne die Tiefen des Ozeans und die Gipfel, die nicht begehbar sind, in Betracht zu ziehen.) Und wenn ja, wo sind sie? Und wie sehen sie aus? Würde man es merken, wenn man so ein Stückchen Land vor sich hätte? Das wüsste ich gerne.

Kinderspielplatz

Ding 19
Wenn ich alles noch einmal entscheiden könnte, ich würde alles wieder so tun. Sonst müsste ich beim zweiten Mal mit dem Verstand entscheiden, und nicht von Herzen.

PilzHerform
Möglich, dass das jetzt keine 20 Fragen waren. Na und?

So liebes Blockstöckchen, nun sieh mal zu, wo du landen wirst…

Raupenast

21 Kommentare zu “20 Dinge, nach denen niemand fragt… #blockstöckchen

  1. das scheint mir wirklich sehr persönlich geworden zu sein ♥
    bei 16 muß ich widersprechen, denselben weg zurückzugehen ist nicht denselben 2mal zu gehen, in die andere richtung sieht fast alles so ganz anders aus daß es durchaus lohnt, weil man sonst auch was schönes hätte verpassen können 💡
    und außerdem scheint es sich mir mit 19 zu beißen 😉

    • Liebe Sabine, das sind zwei völlig unterschiedliche Ausgangspunkte. Das eine ist ein Weg, den ich entlang spaziere. Ich kann mich entscheiden, dasselbe Stück wieder zurückzugehen oder aber einen anderen Weg zu nehmen. Dabei hast du absolut recht: Es ergibt sich eine ganz andere Perspektive, wenn man den Weg nimmt, den man auch gekommen ist. Das erlebe ich oft, weil es in unmittelbarer Nähe am Kanal entlang gar keine andere Möglichkeit gibt, als umzukehren. Das andere ist mein Leben, das im theoretischen Fall noch einmal vor mir läge. Also keine Umkehr sondern… du weißt schon 🙂 Herzlich, Heike

      • klar waren das 2 völlig verschiedene, war nur irgendwie so naheliegend das zusammen zu packen, sorry wenn ich Dich damit aufgebracht habe oder abgehalten von wichtigerem, schönerem, viel spaß weiterhin 😉

      • Also ehe wir uns dann jetzt komplett miss(t)verstehen, liebe Sabine,
        du hast mich nicht aufgebracht oder von etwas abgehalten mit deinem Kommentar.
        Ich hab dir lediglich erläutert, wie diese beiden Gedanken für mich zusammenhängen
        bzw. eben nicht zusammenhängen. Jetzt bin ich etwas ratlos, weshalb du ein fröhliches
        Smiley und mein „herzlich, Heike“ im Ton so falsch verstanden haben magst 🙂

    • Fiel mir schwer, die schönen Starnberg-Bilder anzusehen. Ich bin zwar glücklich, wo ich bin, doch wenn ich Bayern-Bilder sehe, dann reißt es mich… 🙂
      ich finds schön, dass du sie gelesen hast, die Gedanken 🙂

  2. Wie immer tolle Bilder und mir sehr sympathische Bekenntnisse 🙂
    Wobei mich gerade am meisten beschäftigt, was du über die Lackschuhe und das Landleben geschrieben hast. Ich habe den dringenden Verdacht, dass ich ähnlich gestrickt bin. Aber ich stecke leider noch in den Lackschuhen (im übetragenen Sinne natürlich), weil ich (noch) keinen Plan habe, wie ich ein Landleben finanzieren soll, wenn ich nicht jeden Tag zur Arbeit in die Stadt fahre. Aber mir wird schon noch was einfallen. Ich arbeite dran 😉

    • Ja, da ist was dran. Wenn ich hier über Land fahre, stehen viele, viele Häuser leer oder zum Verkauf. Die alten Menschen sterben und die jungen ziehen in die Stadt, weil Arbeitsplätze rar sind. Ich verrate dir jetzt ein kleines Geheimnis, es bleibt ja unter uns hier 🙂
      Ich hab Ferienwohnungen geputzt, in einem Friseursalon ausgeholfen, für Bauern und Helfer bei der Kartoffelernte gekocht, Bio-Gemüse über Land gefahren und vieles andere, bis ich beruflich da gelandet bin, wo ich eigentlich immer schon hin wollte. Die Lackschuhe gegen die Gummistiefel getauscht zu haben, war kein rationaler Entschluss. Man könnte auch sagen: Das Leben hat mich aus den einen Schuhen geschubst und in den anderen landen lassen 🙂

  3. Heimat mag ein Ort sein, von dem man träumt, aber im besten Fall erkennt die Seele diesen Platz, umarmt ihn und kommt zur Ruhe. Danke für den klitzekleinen Einblick in deine Seele und die „Augenbonbons“.

    • Hallo Annette, ich glaube für den Begriff „Heimat“ gibt es unendlich viele verschiedene Interpretationen. Jedenfalls hab ich im Zusammenhang mit dem betreffenden „Blockstöckchen“ viele unterschiedliche Texte gelesen. Dein Fazit gefällt mir auch sehr gut. Und das Wort „Augenbonbons“ wird adoptiert 🙂

    • Sehr überlegte Worte. Ich bin noch nicht zur Ruhe gekommen aber manchmal erkennt man erst im Nachhinein, wo die Plätze waren, an denen man ruhig sein konnte. Es ist ein Fluss doch wie schön wäre ein See…

      LG Angela

      • Ich denke, du bist erst dann richtig angekommen, wenn das „wie schön wäre es, wenn…“ nicht mehr die Gedanken bestimmt. Nur Geduld, das kommt schon 🙂

      • Dann müsste man zuerst wissen was einem am Wichtigsten ist. Prioritätenliste sozusagen, Dann wird es wieder rational.
        Wenn sich also Seele und Ratio die Waage halten, kommt man möglicherweise nicht an.
        ???

  4. Heike, siehst du mein leises schmunzeln…, weil mir deine „Dinge“ so bekannt vorkommen.

    Heimat ist für mich da, wo meine Sehnsucht Ruhe gibt.
    Und zu meiner Gartenleidenschaft im 200Seelendorf kam der lachende Kommentar
    „früher Lippenstift, heute Spaten“. (meine Lackschuhe stehen auch auf dem Dachbdoden ;o) )

    Danke, für deine Gedanken und herrlichen Fotos.

    • Früher Lippenstift, heute Spaten – das gefällt mir. Manchmal treib ich es auch ganz doll und trag beides 😀
      Vielen Dank für deinen netten Kommentar, schön, dass du mit liest 🙂

  5. Ich danke Dir! Es hat mir viel Spaß gemacht, Deine Gedanken zu lesen und es hat Manches angestoßen. So gesehen, habe ich das Stöckchen schon aufgenommen. Ich werde es aber erstmal in meine Jackentasche stecken und immer betasten und mit den Fingern polieren wenn ich mit dem Hund draußen bin, bevor ich es weitergeben kann.
    Ein Gedanke hat sich direkt manifestiert: Der Anblick des Fotos aus dem Watt (Gedanke 4) hat mich im Mark getroffen. Das ist mein Zuhause. Da ist meine Seele daheim. Es ist schön hier am Starnberger See. Lebenswert. Aber es ist nicht DAS Zuhause. Zuhause ist für mich auch nicht der Ort von dem ich träume. Zuhause ist. Und ich bin auch dort. Egal, wo ich mich körperlich rumtreibe. Seltsamer Weise ist mein Zuhause auch nicht nur ein Ort und eine Landschaft. Das Meer daran beteiligt ist, ist sehr wahrscheinlich. Aber ich habe vor fast 30 Jahren mal am Rand der spanischen Pyrenäen gestanden und war plötzlich vollkommen weggebeamt. Ich hab‘ gewusst, das war mein Zuhause. Solch‘ einen Ort kenne ich auch in Holstein an der Nordsee und in Norwegen. Hört sich esoterisch an, oder? So bin ich aber eigentlich nicht. Höchstens emphatisch…
    In jedem Fall ist es gut zu wissen, daß ich irgendwo wirklich zuhause bin. 😉
    Grüße von Stefan

    • Hört sich nicht esoterisch an, Stefan. Hört sich schön an und nach einer Variante der Antwort auf die Frage nach „Heimat/Zuhause“. Dass das jeder Mensch anders empfindet und ganz bestimmt auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten nochmals anders sieht, find ich schön. Beim Wort „Starnberger See“ zum Beispiel bekomm ich Heimweh, obwohl ich dort nicht zuhause bin. Ich hab in Ambach und Feldafing gelebt und sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit, insbesondere an die Landschaft. Liebe Grüße und falls das Stöckchen aus der Jackentasche auf „Papier“ wandert, würd ich mich über einen Hinweis freuen 🙂

  6. Pingback: 20 Antworten, auf Fragen, die niemand stellt. | Lichtgewimmel

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