„Hinterm Stall die Blumen“ #leseempfehlung

Kühevonhinten

Den einen öffnet sich allein schon beim Gedanken daran ein klaffender Schlund gähnender Langweile, für die anderen ist es ein Lebenstraum:
Die Rede ist vom Leben auf dem Land.

Die Liste der Hochglanzmagazine, die den Traum von Idylle, Gemütlichkeit, Ruhe und Frieden zum erstrebenswerten Lebensziel stilisieren und ihn in Text und Bild idealisieren, ist lang. Die Geschichte einiger sehr erfolgreich. Die Nachfrage ist da, auch und gerade wohl dann – wenn das in vielen bunten Farben und blumigen Worten beschriebene Landleben das Leben der anderen bleiben wird. Und das eigene sich fernab davon zwischen Beruf, Kind und Urlaub im Süden in städtischer Umgebung zu beweisen hat.

KälbchenImStall Kopie

Die Vorstellung – egal wovon – übertrifft nach meinen Erfahrungen in der Regel die Wirklichkeit. Unsere Erwartungen neigen – im Guten wie im Schlechten – zur Übertreibung. Was das Thema „Landleben“ angeht, weiß ich sehr genau, wovon ich rede. Wo ich von Ruhe und Frieden träumte, kräht in der Früh der Hahn, bellt nachts der Bock, schreien sich die Reiher die Liebeslust aus der Kehle, quaken sich im Sommer die Frösche die Sehnsucht aus den Backen. Laufen im Herbst die Mäh- und Erntemaschinen rund um die Uhr. Und in manchen Jahren liefern sich die Männer der Gegend regelrechte Duelle mit ihren Kettensägen. Wo ich mir fröhlich spielende Kinder vorgestellt habe, flüchten junge Familien in die Städte. Arbeitsplätze sind Mangelware. An vielen, vielen Häusern haben sich die Makler verewigt. „Zu verkaufen“ – die eine Generation stirbt, die nächste ist längst weg. Bauernhofidylle? Pustekuchen. Die Höfe sind Wirtschaftsunternehmen, Rendite und Ertrag auf der Spur. Genötigt sich selbst zu verwalten in einem Dschungel aus Richtlinien, Vorgaben und Auflagen. Wiesen, Wälder, wilde Natur? Flurbereinigung, auf Ertrag getrimmte Weiden, Felder und Tiere, auf Subventionen erpichte Landwirte – Windparkanlagen gegen Wiesenpracht – Maismonokulturen gegen Fruchtfolge. Technisch Dritte Welt – wer Breitband und schnellen Zugang braucht, der sollte besser in die Stadt ziehen oder gleich dort bleiben.
Das ist die eine Seite.

Schleswig RudbeckiaGelb

Doch da ist etwas dran an diesem Leben auf dem Land.
Ich hab’s selbst erlebt. Hab die Stöckelschuh gegen Gummistiefel getauscht. Den Lippenstift gegen Handcreme. Den Italiener um die Ecke gegen das Eingemachte aus dem Glas. Die Wochenendausflüge ins Grüne gegen ein Leben zwischen Stall, Garten und Büro. Die schicke Berliner Altbauwohnung gegen ein geklinkerte Dauerbaustelle, Dussmann gegen den kleinen Buchladen an der Ecke. Das KaDeWe gegen den Krämer am Platz. Und ich hab’s noch keinen Tag bereut.
Darum auch meine Freude über das Buch, das ich heute vorstellen möchte:

Hinterm Stall die Blumen ist eine Hommage an das Landleben. An die Menschen, die keine Arbeit und keine Mühe scheuen, ihre Zufriedenheit, ihr Auskommen und oftmals auch ihr Glück mit ihrer eigenen Hände Arbeit zu erreichen.

GänsevorMühle

Hinterm Stall die Blumen ~ in Britta Freiths knapp 190 Seiten starkem und wunderbar bebildertem Buch ist der Name Programm.
Autorin Britta Freith und Fotografin Bigi Möhrle zeigen das Leben auf dem Land sehr wohl von seiner schönen, seiner repräsentativen Seite. Britta Freith aber verliert sich nicht in romantischen Schwärmereien oder Schönfärbereien. Sie schildert schlicht und oft auch ergreifend Leben und Arbeitsalltag der Frauen auf und vom Land und geht in dreizehn einzelnen Episoden, die sich jeweils einem Hof, einem Landstrich und einer Familie widmen, auf die individuellen Lebensentwürfe ein.
Hinterm Stall die Blumen – der Titel nimmt es vorweg: Dem Schönen, dem Angenehmen können sich die porträtierten Frauen erst dann widmen, wenn die Arbeit getan ist. Und welches Pensum so manche von ihnen absolviert, das allein ist das Lesen dieses Buches schon wert und rückt die eigenen Befindlichkeiten in ein gerüttelt Maß an Wirklichkeit.

Katzenkindvernachlässigt

Ihre Reise durch die Gärten der Republik beginnt Britta Freith auf dem Hof von Bettina Horstmann nahe der dänischen Grenze. Über Ostfriesland, Greetsiel, Tündern Weitersbach, Bissingen-Teck, den Schwarzwald und Bayern geht es weiter in die Schweiz und nach Österreich. Die Landfrauen kommen selbst zu Wort, hie und da verraten sie ihre oft über Generationen weitergegeben Kniffe und Tricks. Das Buch geht auf die regionalen Besonderheiten wie etwa klimatische Verhältnisse und Bodenbeschaffenheiten ein. Es geht ein auf den oftmals sehr langen Arbeitsalltag der Frauen, auf ihre Energien, auch darüber hinaus in Vereinen oder im eigenen Hofladen zu wirbeln. Und eben auch auf die wunderbaren Gärten, die genau das sind, was ein gesunder guter Garten in meinen Augen auch sein soll:
Dem Menschen zum Nutzen und zur Zierde.

Als Bonbon für den Leser endet jede Episode mit einem familieneigenen Rezept oder aber mit einer Beschreibung jener Leidenschaften und Hobbies, für die den vielbeschäftigten Landfrauen am Ende des Tages noch Zeit bleiben mag.

GartenzaunMitJimmy

Für mich ist dieses schöne und interessante Buch auch eine Reise durch eine bäuerliche Vergangenheit, die es zu bewahren gilt und die ihren Weg sucht, in einer modernen und auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Zeit zu bestehen. Die Porträts zeigen Frauen, deren Leben von festen Regeln und Abläufen, von Verantwortung sowohl familiärer als auch gesellschaftlicher und sozialer Natur geprägt ist. Sie zeigen Frauen, denen es dennoch gelingt, sich ganz persönliche Freiräume zu schaffen. Und vor allem und für mich so ungemein wohltuend werden hier Frauen vorgestellt, deren Interessen sich fernab vom nächsten Mann, dem nächsten Date, der neuesten Klamotte und dem heißesten Trend bewegen. Dass jede einzelne von ihnen an manchen Tagen vielleicht am liebsten alles hinwerfen würde, dass dieses Leben anstrengend und kräftezehrend ist, das mag sich jeder denken können. Eines aber wird beim Lesen deutlich – jede einzelne von ihnen strahlt Zufriedenheit, solide Bodenständigkeit und – ja – Lebensglück aus.

Schleswig-Rosenwand

Hinterm Stall die Blumen. Landfrauen und ihre Gärten.
von Britta Freith
ist 2013 erschienen im Ulmer Verlag, 192 Seiten stark
(inkl. 225 Farbphotos von Bigi Möhrle),
gebunden und kostet 29,90 Euro
ISBN 978-3-8001-7894-0

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Momentaufnahmen 2013

ÄpfelGegenHimmelsblau

HerbstRosaGelb

HahnundHenne

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KirschblätterNovember

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15 Kommentare zu “„Hinterm Stall die Blumen“ #leseempfehlung

  1. Toller Artikel, schöner Tip und eine sehr gute Idee für ein Buch. Und sag mal gibts deine Fotos als Postkarten? Plakate? Die Blumen, die Enten, die Perspektiven…eine Wonne für mein Auge…das Gefühl sinkt bis in den Magen…und ich könnte mich verlieren in den schönen Fotos..toll!

  2. Das hast du mal wieder wunderbar auf den Punkt gebracht, liebe Heike. Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich mich auf deine Beiträge fast genauso freue wie auf mein neues GEO oder das (erst vor kurzem) abonnierte Landglücklusthochglanzheftchen 😉 (nein, Titel verrate ich nicht #chch) … ich weiß nicht was es ist. Es tut gut davon zu lesen, sich Bilder anzusehen, manches sogar auszuprobieren … tut Leib und Seele wohl, wie man so schön sagt. Ich werde den Sprung, den du gewagt/gemacht hast, vermutlich so nicht mehr hinbekommen, aber ein Teil von mir, der wird das immer wollen und immer seine Betätigung suchen und finden. Und wenn es eine Balkontomate ist 😀
    Auf das Buch freue ich mich schon riesig … (hoffentlich) mein Weihnachtsgeschenk dieses Jahr. Und wer weiß, vielleicht geht es mir mit dem Buch wie Kästner, der einen Knopf gefunden hat und sich einen Anzug dazu schneidern ließ 😉
    Schön, dass es dich gibt!

    • Das war jetzt so richtig, richtig schön, den Tag mit deinem Kommentar zu beginnen, Kratzi. Danke!
      Ich seh auch schon dieses Buch, von dem ich gestern gesprochen hatte: „Stadtfrauen und ihre Gärten“, wobei du für mich keine Stadtfrau im eigentlichen Sinne bist. Hier in Wilster sind die Straßen eng, die Gehwege gepflastert und reichen bis an die Häuser heran. Ein typischer Straßenzug zeigt auf den ersten Blick absolut nichts Grünes. Eine Frau hat jeden Sommer vor ihrem Haus geschätzte 20 Töpfe stehen. Geranien. Wandelröschen. Petunien. Stiefmütterchen. Alles eben, was in Töpfen gedeiht. Dafür muss sie Säcke mit Blumenerde kaufen und schleppen, alles in ihrem Haus einpflanzen und in jedem Jahr nach draußen schleppen. Das finde ich nicht minder bewundernswert im Sinne eines Blumenfreundes. Über solche „Gärten“ mach ich dann mein Buch 🙂

  3. Nun sitze ich hier, Seele und Kopf voller Worte und bringe sie nicht aufs Papier. Schreibblockade, uiuiui.Schriftsteller kennen und fürchten sie. Deine Worte jedoch fliessen schwere- und scheinbar mühelos aus der Feder und fassen das Thema Landleben in wunderbare Worte. Alles im Leben hat mehrere Seiten. Jeder sollte seinen Weg erfühlen und gehen. Viele tun das nicht, sie träumen, verlieren ihren Traum, manchmal den Mut und führen dann das Leben in stiller Verzweiflung. Hahnenschrei, Rehgebell und Froschgequake stören meine Ruhe nun nicht, wohl weil ich sie als „dazugehörend“ und „natürlich“ empfinde, Quads im Wald und das Heulen der Motorsäge weniger…Ich glaube, wie man lebt, ist auch eine Frage der Werte und Prioritäten, und bei einer Gesellschaft, deren „Werte“ sich verlieren oder in eine beängstigende Richtung entwickeln, ist fraglich, ob wertvolle Traditionen wie die der Landfrauen erhalten werden können. Diese Frauen, die ein derartiges Leben auf sich nehmen möchten, sind eine bedrohte Spezies. Danke für den Buchtipp! Auch ich freue mich, dass es dich gibt und kann es kaume erwarten, dein eigenes Buch in den Händen zu halten. 🙂

  4. Pingback: Landlust – Landidyll – Landglück | Wilde Schönheiten & Alte Gartenschätze

  5. Liebe Heike, ich hatte gestern nicht so viel Zeit, wollte aber deinen schönen Beitrag für mich „konservieren“ und habe ihn reblogged…und prompt hatten wir eine neue Leserin:-)
    Eine schöne Woche wünsche ich dir!!
    Sabine

    • Vielen lieben Dank, Sabine. Das Buch hat richtig Laune gemacht. Eine der Landfrauen lebt in meiner alten Heimat. Ich hab mir vorgenommen (sie hat einen offenen Garten am Rand der Schwäbischen Alb), dort mal vorbeizuschaun 🙂

  6. Liebe Heike,
    ich finde Wiederholungen ja nicht so originell, aber ich kann mich einem Statement, das hier gemacht wurde, nur anschließen: Es ist wirklich schön, dass es dich gibt (und du hier deine Gedanken und wunderschönen Bilder mit uns teilst).

    Das Landfrauen-Buch habe ich mir schon vorgemerkt … und was du über die zwei Seiten des Landlebens schreibst, ist wohltuend realistisch. Jeder, der auch nur ein Haus mit Garten hat – und das nenne ich jetzt nicht „Landleben“ – weiß, wie viel Arbeit das machen kann, aber auch wie viele glückliche Momente man daraus zieht. Bei den Landfrauen potenziert sich das vermutlich. Sowohl in der kräftezehrenden als auch in der energiespendenden Dimension.

    Wenn man so aufgewachsen ist, kennt man es ja nicht anders. Als Stadt-Land-Zwitter finde ich deshalb dein Beispiel so besonders faszinierend. Vielleicht machst du ja ein Buch über ehemalige Stadtfrauen, die aufs Land gegangen sind? Das wäre wirklich spannend. Vor allem wenn es sich nicht um das typische Landlust-Beispiel handelt: Älteres, gut betuchtes Ehepaar zieht im Ruhestand aufs Land und richtet mit offensichtlich sehr viel Geld ein traumhaftes Bauernhaus her … 😉

    Liebe Grüße
    Jana

    • Hallo Jana, vielen lieben Dank, das ist ja schön zu hören. Ich bin auch kein Verfechter des einen oder des anderen. Es spielen nach meiner Ansicht viele Faktoren eine Rolle, Beruf, Alter, Interessen – die Land oder Stadt zum geeigneteren Lebensentwurf machen. Ich bin froh, dass ich die Erfahrung mit Berlin habe machen können. Daraus hat sich für mich ergeben, dass mich das nicht glücklich macht. Aber ich denke oft und gerne an die Vorteile eines Stadtlebens und wünsche anderen, dass sie auch beide Erfahrungen machen können.

      An die Idee mit dem Buch hab ich auch schon gedacht 😀

      Liebe Grüße
      Heike

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