Prosa: Landlust

BlitzableiterHFPS

Achtung: Prosa

Sie hatte sie alle gelesen – die Hochglanzmagazine. Über das Leben auf dem Land. Über Bux in allen Formen, blühende Rosengärten, Alleen und englischen Rasen, über Zierde und Wildwüchsiges, von unsichtbarer Hand im Zaum Gehaltenes und in Form Gebrachtes. Sie hatte gelesen und gestaunt. Und geträumt. Vom Ursprünglichen, vom Echten, vom wirklichen, vom authentischen Leben. Vom Leben auf dem Land. Wo man alles von Hand macht, und mit Liebe. Und mit viel Geschick. Und mit Zeit. Entspannt würde es sein. Und intim. Irgendwie. 300 Einwohner im Dorf, da kennt man sich. Da weiß man wer man ist. Und was man hat. Woher man kommt. Wohin man will.
Da wollte sie hin. Lange schon. Und dann ging es los. Mit Sack. Und mit Pack. Und den Kindern. Von der Stadt. Auf’s Land …

SonnenaufgangmitGrasHaus

Haus und Hof. Weiden und Wiesen. Ein Schnäppchen. Sogar ein eigener Teich. Wagenladungen mit Sand und Mutterboden kamen an. Für den Moorboden, hatte der Architekt empfohlen. Für den nassen, den weichen, den nachgiebigen, den gierigen Moorboden. Davon hatte sich nichts gelesen, Im Exposé. In den Illustrierten aber, von Katzen, die schafften sie sich an. Und Hunde. Zwei Pferde. Und Ponys für die Mädchen. Hühner, Kaninchen und Meerschweinchen. Bis hin zu den Fischen im Teich. Bald schon war alles perfekt. Wie in den Magazinen. Fast. Die weißen Gatter. Die überdachte Veranda aus Echtholz, die Stege zum See. Ein Gärtner musste her. Jemand, der etwas verstand vom Grün. Und diesem bestimmten Style, den sie haben wollte. Natürlich sollte es aussehen. Aber doch eben gepflegt. Blumen sollten blühen. Obst sollte reifen. Bei der Schaukel. Und den Möbeln aus Teak.

Die Kinder gingen zur Schule. Eine Stunde waren sie unterwegs. Morgens. Und nachmittags auch. Ihr Mann fuhr jeden Montag um 4 Uhr früh los. Über Hamburg nach Frankfurt. Bis Freitag hatte sie Zeit, ihn zu vermissen. Sie hatte endlich Zeit. Und dieses Haus. Dieses Land. Diesen Traum. Wie in der Zeitung. Gut, den Klärteich auch. So lange dort Seerosen wachsen … Und es keiner weiß … Und eben dieses Land. Nass und schwer. Die Mücken. Die Abgeschiedenheit.
Die Zeit verging. Bald waren alle Gewerke vom Hof. Die Schreiner und Tischler. Die Garten- und Teichbauer. Fließenleger. Maler. Inneneinrichter. Es wurde so still. Es war perfekt. Das Leben auf dem Land. So, wie sie es wollte. Ursprünglich. Echt. Und wahrhaftig.

Besuch hätte sie gerne gehabt. Mehr Besuch. Mehr Bewunderer. Mehr Neider. Was nützte all das, wenn es kaum jemand sah? Die Leute aus dem Dorf waren ihr fremd. Und sie ihnen. Einfache Leute eben. Kaum Gemeinsames. Keine Themen. Oper, Theater, Kino – auch in der Stadt war sie dort selten gewesen. Aber gekonnt hätte sie es – ja, sie hätte es gekonnt. Sie spürte auch diese Missgunst. Diese Blicke. Das große Haus. Die blonde Mähne. Der Sportwagen. Die gute Figur. Die hübschen Kinder.

Manchmal blieb er freitags in der Stadt. Dann dachte sie über einen Hofladen nach. Oder ein Café am Kanal. Eine Reitschule für Kinder. Etwas tun. Etwas leisten. Und das Geld – all das hier kostete ja Geld. Mehr, als sie sich gedacht hatten. Der Boden sackte ab. Das Gartenhaus am Teich gleich mit. Die Außensauna auch. Im ersten Winter froren die Leitungen ein. Sie platzen. Und ergossen sich über Hab und Gut. Der erste große Sturm warf Fichten auf’s Dach. Telefonate. Hin und her. Zwischen Stadt und Land. So hatte sie sich das nicht gedacht. Die Verantwortung. Auch für die vielen Tiere. Füttern. Misten. Füttern. Die Töchter zwingen, zu helfen. Zum Tierarzt. Organisieren. Sie war froh, als er endlich „ja“ sagte. Zum eigenen Gym. Die Arbeit würde ihr gut tun. Und den Frauen hier draußen auch. Die Frisuren. Die Figuren. Die Klamotten … Vielleicht könnte sie ja auch Stilberatung? Kosmetik? Man würde sehn … Beim Geschäftsplan drückte der Banker ein Auge zu.  „Aus Frankfurt? Oh ha… Bei dieser großen Unternehmensberatung? Toll. Und jeden Freitag die lange Strecke, irre …“
Anfangs lief es zäh. Aber das war abzusehen. Die mochten hier nichts Neues. Waren misstrauisch. Das gibt sich. Nach und nach. Okay, es waren nicht die Halbstarken, die sie sich gewünscht hatte. Und diese Typen mit den rechten Sprüchen … Aber auf die Tanzgruppe hin, da kamen auch die ersten Frauen. Die eine von der Boutique. Und die andere vom Blumenladen, die Frau vom Bürgermeister und die, die auf dem Land Ambiente fürs Land verkaufte. Endlich, es ging voran …

Manchmal sahen sie sich zwei Wochen lang nicht. Darüber vergaß er zu fragen, wie es läuft. Und sie vergaß, zu sagen, dass Geld fehlte. Und dass es ihr zu viel wurde. Das Studio. Die Kinder. Der Garten. Die Tiere. Die Schulden. Die Menschen, denen sie fremd blieb.

Abends sah sie sich die Zeitungen an. Von früher. Sie wusste jetzt, wie es wirklich ist. Viel Arbeit. Fehlschläge. Schlechtes Wetter. Die Einsamkeit in der Abgeschiedenheit. Die Möglichkeiten für die Kinder, hier draußen … Obst mit Würmern. Läuse auf den Rosen. Kein Räumdienst im Winter. Diese Leute, die nur „fraßen“, was sie kannten. Farbe, die vom Holz platzt. Holz, das modert und bricht. Die Tiere, immer die Tiere, die ihr die Zeit diktieren. Wohin mit all dem Mist? Und den Pferden im Winter? Und den Kaninchen, die niemand braucht?
Dann kam dieser Anruf. Der Steuerberater. Er sprach von der neuen Wohnung in Frankfurt. Von der sie nichts wusste. Bis sie etwas ahnte. Von der anderen Frau, von der sie nichts wusste. Es wurde laut. Und gemein. Es änderte sich der Beziehungsstatus. Von „verheiratet“ zu „es ist kompliziert“. Sie ließ Bilder machen. Von sich. Mal mit … und mal ohne. Für kurze Zeit war er freitags wieder da. Er sah gut aus, auf seinem Pferd. Mit dem Hut mit der breiten Krempe. Und den Chaps aus dem Country-Store. Sie fuhren auf den Harleys aus. Der Gärtner strich Teak. Die Mädchen brachten Freunde.  Die Bank finanzierte neu. Selbst das Obst war gut, in diesem Jahr. Das sagten die Leute aus dem Dorf, denen sie erlaubt hatte, es zu ernten. Die Landfrauen machten tolle Sachen damit. Säfte und Kuchen. Marmeladen und Eingemachtes. So ursprünglich. Und mit Hand. Und viel Liebe.
Sie gaben ein Fest. Im Sommer. Am Teich. Die Leute staunten. Das alte Haus. Und nun das? Was man daraus gemacht hatte. Und wie viel Geld das gekostet haben mochte.

Dann kam der Herbst. Die Banken sagten „Nein.“ und „Noch mehr – nein. Nicht.“ Das Dach war an der Reihe. Und die Aufrüstung für die Kläranlage. Jemand musste die Gräben kleien. Oder jemandem bezahlen, der die Gräben kleite. Er kam jetzt wieder jeden zweiten Freitag. Wegen der Kosten … Und des Abstands. Und sie blätterte in den Zeitungen von einst. Sie lachte müde. Alles Träume, dachte sie. Und dann beschlossen sie, dass das nichts sei. Dieses Leben auf dem Land. Die Einsamkeit. All die Arbeit. Die Tiere. Der Garten. Das Haus. Die Trennungen. Bildung für die Kinder … Die Zukunft. Und sie setzten das Haus in die Zeitung. Ihren Traum. Vom Leben auf dem Land. Und sie gaben die Tiere weg. Die Ponys an den Mann, der ihr seltsam vorkam. Die Hunde ins Heim. Die Kaninchen und die Meerschweinchen zu der Frau, die Tiere so mochte. Und sie sammelte, wie andere Leute Glas oder Stein. Die Hühner an den Bauern. Und am Ende blieben die Katzen. Weil die mehr am Land hingen, als an den Menschen.
Und dann ging es los. Mit Sack. Und mit Pack. Und den Kindern. Vom Land. Wieder in die Stadt …

Sie lebt jetzt in Berlin. „Landlust“ heißt ihr Laden. In Kreuzberg verkauft sie Träume. & Mehr.

LaterneSpinnenNetzHFPS

6 Kommentare zu “Prosa: Landlust

  1. So kann es einem ergehen, wenn man zu blauäugig ist, den echten Draht zum Land nicht hat (oder nie hatte?)…fürs echte Landleben -fern von den Idealen der Hochglanzmagazine- sind halt nur wenige gemacht. Schön geschrieben, Heike!

  2. Ja, da ist viel Wahres dran, so kann es gehen. So ist es mir nicht gegangen, als ich vor 15 Jahren aufs Land zog, aber dafür habe ich auch viel tun müssen, aber ich mache es gerne: die Tiere jeden Tag, auch Heiligabend; die Einsamkeit manchmal; die Gartenarbeit ohne Ende; das alte Haus, wo man immer reinstecken könnte…….. ich weiß heute, alles kann man nicht im voraus planen und abschätzen wie es wird, aber wenn ich mich selbst genug kenne, dann weiß ich auch, ob das mein Weg ist. Meiner ist es! Einen schönes Rest-Wochenende lg Marlies

  3. Das ist der entscheidende Satz, den Marlies formuliert; –
    …wenn ich mich genug kenne, dann weiß ich auch, ob das mein Weg ist.
    Irren wir uns also voran, ( mein persönliches Fazit ).
    LG Angela

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s