2 Fuder Weizen, 4 Fuder Roggen, 4 fette Ochsen, 8 fette Schweine, 12 fette Schafe, 2 Fässchen Wein, 4 Tonnen Bier – für eine Tulpe #prosa #tulpenmanie

„Meinen“ Zeitungskindern hab ich vor nicht allzu langer Zeit von der Tulpenmanie (auch Tulpenfieber oder Tulpenwahn) erzählt. In der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts wurde die hübsche Blume zum Spekulationsobjekt der gehobenen Schichten des Bürgertums. Um es vorwegzunehmen: In dieser Geschichte hat sich kein Mensch der Schönheit einer Blume wegen ruiniert. Die „Opfer“ der Tulpenkrise, das waren die Opfer ihrer eigenen Gier und ihres Trachtens nach Gewinn und Reichtum. Die Holländer hatten ja wenigstens noch Sinn für Ästhetik, für pure Schönheit und das Ungewöhnliche. Wohingegen sich heute die Opfer von Fonds und anderen Kapitalgeschäften nach dem Ruin mit nichts weiter beschäftigen, als mit der theoretischen Möglichkeit, aus dem potentiellen Gewinn einer nicht greifbaren Blase mit einem ebenso wenig greifbaren dafür aber umso schmerzhafteren Verlust hervorgegangen zu sein.

 

WildtulpenHFPS

Eine kleinwüchsige und urige Sorte, die ich in diesem Frühjahr ganz neu in meinem Garten habe.

 

Doch zurück zu den Tulpen, denen ich – das geb ich zu – in einer gewissen Manie verfallen bin. (Wie gut, dass ihre Blüte sich auf das Frühjahr beschränkt).

Zum Ende des 16ten Jahrhunderts war Holland das Tulpenzüchterland Nummer 1. Und genau dort kam es zur Tulpenmanie.

Und das kam so … (Der Text wurde für Kinder geschrieben. Für kleine – und für große auch.)
In Holland kannten höchstens ein paar weltreisende Abenteurer die Tulpe aus Ländern wie der Türkei oder Armenien. Der Botaniker Charles de l‘Écluse hatte einen Sack voller Tulpenzwiebeln über Umwege aus Konstantinopel geschenkt bekommen. Gemeinsam mit seinem Sack wanderte der Mann aus Österreich aus und in Holland ein, wo er an der Universität der Stadt Leiden auch Tulpen anpflanzte. Allerdings anfangs weniger zur Zierde denn mehr als Heilpflanze. Für die weitere Verbreitung der Tulpen in Holland sollen der Legende nach Diebe gesorgt haben. Das spricht dafür, dass die Tulpen besonders und hübsch genug gewesen sein müssen. Wer klaut sonst Blumen und riskiert dabei Kopf und Kragen?
„Unmöglich kann man Tulipmania begreifen, wenn man nicht weiß, wie stark sich Tulpen damals von jeder anderen Blume unterschieden, die die Gartenbauer des 17. Jahrhunderts kannten.“ Das schreibt der britische Journalist Mike Dash in seinem Buch „Tulipomania“.

 

TulpeMagentaZwillingeHFPS
Die Tulpe alleine machte aber noch keine Krise. Dazu kam, dass zu dieser Zeit Silber und Gold aus aller Welt nach Holland gebracht wurden, weil sie nur dort in einem festgesetzten Verhältnis zu Münzen und damit zu Geld gemacht wurden. Es war also eine Menge Geld im Umlauf. Bald schon wurde die Tulpe zu einem Statussymbol. Die reichen Damen trugen die Tulpe zu gesellschaftlichen Anlässen als Schmuck im Haar oder an ihren Kleidern. Die Zwiebeln der Tulpen wurden pfundweise in Säcken verkauft. Aus jeder Zwiebel wachsen eine, zwei, maximal drei Blüten. Und aus jeder (Mutter-)Zwiebel entstehen pro Jahr maximal zwei bis drei kleine neue Zwiebeln. Die Mutterzwiebeln selbst gehen nach wenigen Jahren kaputt.
Damit kam etwas in Gang, das ein wesentlicher Bestandteil des Handels überhaupt ist. Dabei ist es egal, ob es um Tulpen oder um eine andere Ware geht. Es gibt eine Nachfrage – die Leute wollten unbedingt Tulpen haben. Und auf der anderen Seite stand das Angebot – also die Menge Tulpen und Zwiebeln, die vorhanden waren.

Früher oder später kam einer auf die Idee, mehr Geld für die Tulpen bezahlen zu wollen, als die anderen. Und wieder andere sagten: Moment, das zahlen wir auch. Wir wollen die Tulpen schließlich auch haben. Und dann schaukelt sich das weiter und weiter und weiter nach oben. Der Preis steigt immer höher, und höher. Er kletterte bis in eine Höhe, in der man sich heute an den Kopf fasst und sich fragt: Hatten die eigentlich noch alle Tassen im Schrank, diese Holländer? Denn irgendwann waren die Tulpen so teuer, dass man nach heutigem Maßstab für eine einzige Tulpenzwiebel 87.000 Euro auf den Tisch blättern musste.
Zu diesem völlig verrückten Preis führte noch etwas anderes:
Die Tulpen wurden krank, denn ein Virus ließ ihre Blätter ausfransen und stellenweise weiß werden. An erster Stelle auf den Preistafeln stand die vom Virus befallene Tulpe „Semper Augustus“. Eine wahrhaftige Blumenschönheit, die die Leute wohl völlig um den gesunden Menschenverstand gebracht haben muss. „An ihren makellos weißen Blütenblättern verlaufen rubinrote, flammende Äderchen, und das Hellblau ihres Kelchgrunds erscheint wie die Spiegelung eines heiteren Frühlingshimmels“, so heißt es.

 

TulpenOsternRotPinklWeissQFPS

Und dann geschah noch etwas:
Ihr steht also noch immer da mit euren Tulpenzwiebeln. Und ihr verkauft sie an denjenigen, der euch am meisten dafür bietet. Jetzt kaufen bei euch aber neuerdings auch Händler ein. Also Leute, die die Tulpen gar nicht selbst wollen. Diese Zwischenhändler kauften damals alles, was es an Blumenzwiebeln gab. Und sie verkauften es dann noch einmal teurer weiter, an die Blumengeschäfte zum Beispiel.
Die Tulpen wurden also nochmals teurer. Und schließlich habt ihr eine Idee: Was, wenn ich die 10 Tulpen eingrabe und sie vermehre, anstatt sie direkt zu verkaufen?
Ihr könntet dem Händler Folgendes vorschlagen: Du kaufst jetzt die 10 Zwiebeln. Ich pflanze sie für dich. Und im nächsten Jahr sind es nicht mehr 10 sondern 30 oder 40 Zwiebeln. Du zahlst mir jetzt die 30 Tulpen, einverstanden?
Und die Händler gingen darauf ein. Sie kauften also 10 Zwiebeln die es bereits gab und weitere 20, die erst noch entstehen bzw. wachsen mussten.
Sie bezahlten also für etwas, das es (noch) gar nicht gab.
Und der ganze Spaß ging noch weiter. Zum Beispiel, als ein Tulpenhändler sich etwas kaufen wollte, vielleicht ein Haus. Er bezahlte dann nämlich nicht mit Geld. Sondern mit Papier. Auf dem lediglich stand, dass er im nächsten Jahr 30 oder 40 Zwiebeln haben würde zu einem Preis von soundsoviel. Und ratzfatz – er bekam das Haus im Tausch gegen ein Papier auf dem stand, dass er im nächsten Jahr (vielleicht) unzählige Tulpen haben würde.
Und auch andere wurden reich mit den Tulpen. Maler zum Beispiel, die die Tulpen zeichnen mussten, damit die Händler ihren Kunden zeigen konnten, wie schön die Blumen sein würden.
Weil das alles so toll lief, kamen immer mehr Leute auf die Idee, mit den Tulpenzwiebeln zu handeln. Sie brauchten dafür nicht mehr, als zu Anfang genug Geld, um ein paar Zwiebeln kaufen zu können. Die, die kein Bargeld hatten, die boten ihre Häuser, ihre Werkstatt, ihren Hof dafür an. Für Bargeld, das sie bekamen, bekamen ihre Geldgeber Rechte an ihrem Eigentum. Und so erklommen die Preise für die seltenen Knollen haarsträubende Höhen.

Für eine Tulpe der Sorte „Vizekönig“ soll der Käufer zwei Fuder Weizen, vier Fuder Roggen, vier fette Ochsen, acht fette Schweine, zwölf fette Schafe, zwei Fässchen Wein, vier Tonnen Bier, 1.000 Pfund Käse und obendrauf noch einen Silberpokal, ein Bett und einen Anzug hergegeben haben. (Ein Fuder ist eine alte Maßeinheit und entspricht etwa einer Wagenladung.) Für die „Semper-Augustus-Zwiebel“ wurden Quellen zufolge einmal 5.500 Gulden bezahlt. Es ist schwer, den Wert dieser Geldsumme auf die heutige Zeit zu übertragen. Misst man den Wert am Goldgehalt, käme man auf einen Wert von 8.000 Euro.

 

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Bis zum Jahr 1637 kletterten und kletterten die Preise. Gehandelt wurde überall, in Kneipen, auf der Straße und in privaten Häusern.

Und dann geschah es:
Zum ersten Mal nämlich fand sich für einen Händler und sein Angebot noch nicht gepflanzter und damit noch nicht gewachsener Tulpen kein Käufer mehr. Das heißt, der Händler blieb auf seinen Papieren, seinen Tulpen von morgen, und all dem Geld, das er dafür bezahlt hatte, sitzen. Und das sprach sich herum. Und zwar rasend schnell.
Der gesamte Tulpenhandel brach auf den Schlag zusammen. Weil sich keiner mehr traute, Tulpen zu kaufen. Aber alle gleichzeitig ihre Ware verkaufen wollten. Die Preise rauschten in den sprichwörtlichen Keller, die Ereignisse überschlugen sich. Und dann geschah etwas, was auch heute noch so der Fall ist, wenn den Leuten große Verluste drohen:
Sie rufen plötzlich nach dem Staat. Und der soll das dann richten.

Und so war das auch bei den Holländern und ihren Tulpen.
Die holländischen Städte mussten von da an den Verkauf der Tulpen regeln. Den Züchtern und Händlern wurde untersagt, ihre Streitigkeiten rund um die Blume vor Gericht regeln zu wollen. Gebracht hätte das ohnehin kaum etwas, weil so viele von ihnen pleite gegangen waren. Die Geschäfte mit den Tulpen, die es noch gar nicht gab, wurden verboten. Und der ganze Spuk mit den gewaltigen und völlig verrückten Preisen war vorüber. Insgesamt trug Holland einen großen wirtschaftlichen Schaden davon. Der war auch deshalb so groß, weil am Blumenhandel alle gesellschaftlichen Schichten beteiligt gewesen waren. Die Armen wie die Reichen.

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Das Erstaunlichste: In Holland liebt man die Tulpen noch immer. Mehr  als  2  Milliarden von ihnen werden in jedem Jahr dort gezogen.

P.s. Wo und wie auch immer ich gelebt habe, Tulpen gehört zu meinem ganz persönlichen Frühling und damit in eine Vase und meine Wohnung.
Auf dem Viktualienmarkt in München, später dann auf dem Winterfeldmarkt in Berlin und jetzt auf dem Wochenmarkt in Wilster, dazwischen bei etlichen Blumengeschäften – bundweise Tulpen, in eine Glasvase locker drapiert, ihnen dabei zusehen, wie sie sich öffnen, wie ihre Stile wachsen, wie sich die Farben verändern – das ist einfach wunderschön.

Frühling ist keine Jahreszeit. Frühling ist ein Gefühl.
Frühling – das sind Tulpen für mich.

 

Meine Tulpenmanie
(Blüten aus dem Jahr 2014 – Achtung: ansteckend!)

 

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TulpeGelbRegenHFPS

 

TulpenARTWeichHFPS

 

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TulpeZackenMagentaHimmelsblauHFPS

 

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12 Kommentare zu “2 Fuder Weizen, 4 Fuder Roggen, 4 fette Ochsen, 8 fette Schweine, 12 fette Schafe, 2 Fässchen Wein, 4 Tonnen Bier – für eine Tulpe #prosa #tulpenmanie

  1. Die sind aber auch alle zauberhaft und ansteckend ist das wohl…kenne ich nur zu gut. 🙂
    Im Januar kaufe ich mir die ersten Tulpen…will dann etwas Frühling in der Wohnung haben.

    LG Mathilda ❤

  2. Ist doch seltsam, wie sehr die Tulpenmanie der Holländer an heutige Zeiten erinnert. Allerdings hast du recht: Die haben zumindest in Schönheit investiert. Aber wessen Auge wurde je durch ein Indexpapier o.ä. erfreut?? Wobei, vermutlich gibt es Leute, die sowas glücklicher macht als eine Blume 😉

    Wunderschöne Tulpen hast du da 🙂 Auf die kleinwüchsigen Wildtulpen hat mich schon Annette Lepple vor kurzem neugierig gemacht. Die kommen im Herbst unbedingt in meinen Garten. Ich hoffe, die Schnecken und Wühlmäuse lassen sie leben …

    Deine Liebe zur Tulpe kann ich gut nachvollziehen. Das ist auch die einzige Blume, von der ich jedes Wochenende einen Strauß kaufe, solange sie Saison haben. Das Frühlingsgefühl liebe ich einfach am Wochenend-Frühstückstisch 🙂

    Liebe Grüße
    Jana

  3. Auch ich liebe Tulpen überalles. Vorallen die fransigen, oder die mit besonderen Farbverläufen. Die Kleine neue alte Sorte hier bei Dir finde ich auch ganz fabulös. Schon länger plane ich ein Bildspecial auf meinem Blog, zum Thema: die Dynamik der Tulpe…demnächst dann…Schön das es auch Dir so geht mit dieser Liebe 🙂

  4. Wundervoll!. Eine schwelgerische Rhapsodie der Farben. So darf Frühling sein. Tulpen gehören für mich auch zum Frühling. Und Danke für die weiteren Informationen. Bloggen bildet.

  5. Ich liebe sie auch und freue mich, dass T. clusiana auch in deinem Garten steht. Das verbindet uns, meinst du nicht?! Danke für das schillernde, informative und leidenschaftliche Porträt.

  6. Pingback: Sonntagsleserin KW #19 – 2014 | buchpost

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