Kleinbürger? Kleingeister? Kleingarten?

Alte Frauen und Männer, meist krumm und gebeugt von der Last der Arbeit, zogen Bollerwagen hinter sich her. Darauf scheppernde Gießkannen, klapperndes Gartengerät, Kisten und Eimer. Vorbei an den sogenannten Aussiedlerhöfen führte ihr Weg, über den „Katzenbach“ und eine kleine steinerne Brücke zur Kleingartenanlage. Einer geschlossenen Gesellschaft, mannshoch umzäunt und eingebettet in ein Dreieck aus Waldrändern, Wiese und Bach. An den Eingängen Schilder mit dem was man durfte (wenig) und dem, was man nicht zu dürfen hatte (viel). Einmal im Jahr öffnete man die Pforten, freute sich über Besucher und veranstaltete ein Fest, das bis heute und mehr als 40 Jahre später noch gefeiert wird. Das sind die Kleingärtner meiner Kindheit in Schwaben, die obwohl vom Land, in den Parzellen am Rand unseres Dorfes und im Gemeinschaftsleben einer Laubenkolonie ihr Glück und/oder ihre Zufriedenheit fanden.

Man kann sich also in etwa vorstellen, wie groß meine Begeisterung war, als ich von der Zeitung den Auftrag bekam, einen Artikel über die hiesige Kleingartenanlage zu schreiben. Es sollte um einen Bundeswettbewerb gehen, eine Kommission hatte sich angemeldet und mein Samstagnachmittag schien gelaufen. Man kann sich nicht vorstellen, wie groß meine Überraschung war über das, was dann kam. Einige kluge Leute aus dem Bundesverband Deutscher Gartenbaufreunde, der Fachkommission für Stadtentwicklung des Deutschen Städtetages, des Bundesumweltministeriums sowie universitärer Einrichtungen waren gekommen, um sich die Anlage an der Wilster-Au, einem kleinen Flüsschen durch Steinburg, anzusehen.

 

SchildBlumenliebeHFPS

Willkommensgruß an der Kleingartenanlage in Wilster, Landkreis Steinburg

Die Ausschreibung des Wettbewerbs ging der Frage nach, inwiefern sich Kleingärten in das Gemeinschaftsleben ihrer Städte und Gemeinden integrieren, inwiefern Ideen zum Umweltschutz, zur stadtklimatischen und gartenkulturellen Gestaltung vorhanden sind und ob und wenn ja die Kleingärtner sich um die Jugend vor Ort bemühen. Anstelle der erwarteten alten, mürrischen und auf ihr Grünzeugs fixierten Kleingärtner habe ich mich in einem Kreis begeisterter und für ihre Sache entflammten Menschen wiedergefunden, mit denen ich etwas gemeinsam habe:
Die Freude und die Liebe an der Natur.

Und beim Rundgang durch die für diesen Anlass natürlich eigens heraus geputzte und schmucke Anlage kam dann gleich die nächste Überraschung.
Biotope, naturbelassene oder der Natur nachempfundene Teiche, Insektenhotels, Totholz für Igel und Insekten, ein Schmetterlingsgarten des NABU (Naturschutzbund), ein großer und wunderschön bewachsener Hügel, auf dem die Gartenfreunde eine Bienenweide angelegt haben. Mittenmang ein Imker mit seinen Körben und Völkern. Alte Obstbäume, die entlang der träge fließenden Au Spalier stehen. Selten gewordene Wildpflanzen, in der Anlage belassen und mit Hinweistafeln versehen. Ein Lehrpfad für Pflanzen, zahlreiche Schau- und Hinweistafeln. Kurzum: Ein Paradies für die Allgemeinheit zwischen all den kleinen privaten Paradiesen, in denen die Freizeitgärtner ihre verschiedenen Ideen und Vorstellungen vom Gärtnern ausleben. Für die Allgemeinheit auch, weil die Anlage rund um die Uhr geöffnet ist und ihre Wege für jeden frei zugänglich sind.

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Laden zum Spaziergang ein – die Wege durch die Anlage und entlang der Wilster-Au

Und so waren dann auch beim zweiten Besuch und besserem Wetter an einem Sonntag viele Leute spazieren. Junge Paare nutzten die Nischen zwischen Weiden und Stegen, um an der Au die Beine ins Wasser baumeln zu lassen. Andere führten ihre Hunde spazieren oder nutzten die Wege der Anlage, um zum Segelclub zu gelangen oder auch einfach nur, um die Ruhe und die Natur zu genießen. Die Kaninchen und Hasen sind den Gärtnern vermutlich ein Dorn im Auge. Für den Spaziergänger ist es nett, ihnen zu begegnen. Auf den großen Blättern der Seerosen sonnen sich die riesigen grünen Teichfrösche. Und wenn man stehen bleibt und für einen Moment aufs Atmen verzichtet, dann kann man es deutlich hören:
Über allem liegt das unermüdliche Sirren, Schwirren, Summen und Brummen hunderter Insekten, die hier Heimat, Nahrung und Unterschlupf finden.

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Sie sonnen sich auf den großen Blättern der Teichrosen – die laubgrünen Teichfrösche

Mit meiner veralteten Vorstellung einer Kleingartenanlage jedenfalls hat all das nichts mehr zu tun. Zwar lebe ich auf dem Land und das wirklich dort, wo sich Fuchs und Hase eine gute Nacht wünschen: Für all die Insektenarten, für Wildtiere und eine blühende Artenvielfalt ist hier aber oftmals weniger Raum, als in so mancher Stadt. Die intensiv genutzte Landwirtschaft ist kein Freund der Natur. Umso schöner ist es also zu wissen, dass es das Bewusstsein dafür zumindest in Anlagen wie der beschriebenen gibt.

Weils mir so gut gefallen hat bei den Kleingärtnern von Wilster im Landkreis Steinburg und weil man dort alles, aber auch wirklich alles andere ist als man es so vom Klischee des Kleingärtners denken mag, lade ich euch herzlich auf einen Spaziergang durch die wunderschöne Anlage ein.

 

Spaziergang durch die Anlage
des Kleingärtnerverein Wilster e.V.

 

BieneImAnflugHFPS

 

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InsektenhotelHFPS

 

StrorchenschnabelHellblauHFPS

 

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BorretschimAbendlichtQFPS

 

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BienenweideSchwarzUnbekanntHFPS

 

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WeissMitLilaHFPS

 

KamilleInBienenweideQFPS

 

LolliBaumQFPS

 

JohannisbeerenROTHFPS

 

SchildBienenGesamtQFPS

 

KornblumeVorBlauHFPS

 

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VielFarbenBienenweideHFPS

 

WilsterAuWasserspiegelungQFPS

 

MohnPastellVonUntenQFPS

 

 

10 Kommentare zu “Kleinbürger? Kleingeister? Kleingarten?

  1. Ein Meisterwerk in Wort und Bild sowie in der Verbindung, wie man es im Internet nur selten findet. Vielen Dank und herzliche Grüße vom Tivoli in München, Josef

  2. Diese Kleingarenanlage ist wirklich toll und erlaubt auch Individualismus. Ein toller Ort ist das! Ganz im Gegensatz zu den Anlagen mit vielen Vorschriften. Bäume links, Büsche rechts auf dem Grundstück, so und so viel Prozent Gemüsebeete etc.
    Liebe Grüße und vielen Dank für Text und Fotos!

  3. Liebe Heike,
    wie schön, wieder mal etwas von Dir zu lesen! Und dann gleich wieder so einen interessanten Artikel. Ich habe schon oft gedacht, dass diese Kleingärtnerei doch auch ganz anders gestaltet werden könnte, als bekannt treudeutsch, und das ist ein wunderbares Beispiel dafür.
    Zunächst war ich zwar ehrlich gesagt etwas skeptisch, aber Dein Text hat mich da eines Besseren belehrt. Meine persönliche Erfahrung mit solchen Kleingärtnern beschränkt sich auf meine 10 Jahre als Kulturdepp in Häufelten bei Herrenberg. Dort lag die Kleingartenanlage direkt neben dem Künstlergarten und Atelier des Bildhauers Lutz Ackermann (http://www.lutz-ackermann.de/vita.html) . Mit dem zusammen habe ich einige Veranstaltungen und Lesungen gemacht, und zwar in seinem Atelier (http://www.kunststiftung-lutz-ackermann.de/atelier.html), das in direkter Nachbarschaft zur Gäufeldener Kleingartenanlage lag. Und mit DENEN hatte man nicht selten seltsame Probleme…
    Liebe Grüsse, Kai

  4. Pingback: Sommerpause | buchpost

  5. Auch in meiner Kindheit gibt es einen Katzenbach…und in der meines Mannes, lustig nicht? Schwäbisches Phänomen? Ich bin froh, dass sich Leute und (Schreber-)Gärten zum grossen Teil verändert haben. Natürlich trifft man heute auch noch viel auf solch erschreckende Gärten, dass man sich nachts schlaflos herumwirft und um die Seelen der dazugehörigen Gärtner bangt, aber es wird viel weniger mit Giften herumgesprüht und es mehr Bewusstsein vorhanden. Das lässt hoffen 😉

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