Was uns so klein erscheint, ist für andere die ganze Welt. #Makrofotografie #landglück #prosa #plattdeutsch

„Was uns so klein erscheint, das ist für andere die ganze Welt“.
Im folgenden zauberhaften Text von Anke Holst, den sie auf Plattdeutsch verfasst hat, taucht am Ende diese schöne Erkenntnis auf.

(Wer den feinsinnigen Text zuerst auf Plattdeutsch lesen möchte, der kann dies ein Stückchen weiter unten tun. Alle anderen lesen einfach hier weiter.)
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Ende August fangen sie damit an: Überall im Garten weben die Kreuzspinnen ihre feinen Netze. Kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht in einem von ihnen verfange und damit versehentlich die Arbeit der fleißigen Tiere zerstöre

 

Die Holsteinerin Anke Holst sitzt im Sommer in ihrer Gartenlaube und zupft Fliederbeeren – also reifen Holunder. Da bemerkt sie, dass sich in ihren Blickfeld etwas regt. In einem großen Netz hat eine Spinne fette Beute gemacht – eine Fliege. Die wird sofort umwickelt und hängt da nun als Vorrat. Die Spinne hangelt sich wieder zurück an ihren Platz und lauert von dort auf die nächste Beute.
Da kommt von weiter oben eine andere Spinne. Ob sie der Jägerin den Platz streitig machen oder an die Beute ran will oder ob sie vielleicht was ganz anderes von der Kollegin will, das kann Anke Holst nicht wissen. Jedenfalls stehen sich die beiden mit hoch erhobenen Vorderbeinen gegenüber, wie Ritter auf einem Turnierplatz. Und dann geht der Kampf los: Mal ist die eine auf der anderen, mal die andere auf der einen. Ein richtiges Drama, nur eben in Klein.
Und dann verzieht sich die Angreiferin und Anke zupft weiter die Beeren.

Eine ganze Zeit lang grübelt Anke Holst darüber nach. Was uns so klein erscheint, denkt sie, das ist für andere die ganze Welt. Und dann denkt sich darüber nach, dass Spinnen ja überhaupt keine Töne von sich geben können. Und wie erstaunlich das ist, dass sie selbst in ihren Netzen so hin und herlaufen können, während ihre Beute darin festklebt.
Und dann stellt sie fest, dass man eine ganze Menge lernen kann, wenn man die Natur beobachtet.

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Die Suche nach ihrem Namen führte in die Irre – bei soviel Glanz kam ich spontan auf „Goldfliege“, die aber glänzt eher im Regenbogendesign. Und die so aussieht, wie die andere heißt, wird schlicht „Rinderfliege“ genannt. Ein Name, der ihr so gar nicht gerecht wird, oder?

 

Diese und andere wunderbare kleine Geschichten schreibt Anke Holst aus Oldendorf in schöner Regelmäßigkeit für unsere kleine Regionalzeitung. Sie schreibt und denkt auf Platt. Und jedes Mal, wenn ich ihre Geschichten lese, freue ich mich über den Sanftmut ihres Humors, über ihre wunderbare Beobachtungsgabe und über den feinen Hintersinn, den ihre Texte haben. Und ich freue mich über diese schöne Sprache „Plattdeutsch“, während ich die Texte abtippe. Finde Ähnlichkeiten zur englischen Sprache und stelle fest, dass Sprache und Menschen, regionale Eigenheit und Kultur zueinander gehören. Wie das Platt, so die Menschen.

 

Der Originaltext auf Plattdeutsch – mit herzlichem Dank an Anke Holst aus Oldendorf:

 

„Dat is all een poor Weeken her, dor seet ick in de Gornlaube und striepel Fleederbeeren af. Wer so een richtig scheunen Oldwiewersommernomeddach. Op eenmol mark ick, dat dor blang mi wat ingang wer. In een grotes Net harr een dicke Spinn Beute mookt – een Fleg. Se wor glieks vun de Spinn umwickelt, as Vörrot. De Spinn sett sick wedder op eehr Platz und lur op de nächste Beute.

Dor keem vun boben een annere Spinn, ob se eehr den Platz striedig mooken wull, an de Beute wull oder vielleicht sogor wat anneres vun ser wull, kann ich nich weten. Jedenfalls stünnen se sick beide mit hoch erhobene Arms gegenöber, as son Ridder op den Turnierplatz. Und denn güng de Kampf all los. Mol wer de eene bobenop und mol de annere. Wer richtig so een Drama, man blots in Lütt.

Und denn wer de Angrieper weg und ick striepel weller mien Fleederbeern.

Hev noch een ganze Tied doröber grübelt. Wat uns so lütt erschient, is för annere de ganze Welt. Und ich hev noch nienich doröber nodacht, Spinnen könnt ja überhaupt keen Geräusch mooken und wat is dat verwunnerlich, dat se in de Netten so hin und her loopen könnt, wenn doch de Beuteinsekten dorin festbacken dot.

Mi dücht, vun dat Beobachten in de Natur kann man een ganzen Barg lehren.“

 

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Im Augenblick, als ich auf den Auslöser gedrückt habe, saß im Apfelfleisch eine riesige Hornisse. Von ihr war nichts mehr zu sehen auf den Bild, nur von den Fliegen die sich nicht getraut hatten, den einladenden Landeplatz anzusteuern.

 

 

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Schlicht. Und dabei so schön. Wenn Sonne, Tau und Licht auf den Löwenzahn treffen, dann strahlt er, als sei er nicht von dieser Welt.

 

 

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Ein Moorfrosch lauert auf Beute. Seine Augen glänzen wie Bernstein. Und ich muss an eine Bronze denken, die eine Künstlerhand geschaffen hat.

 

 

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Nicht erst seit diesem Jahr sind mir die kleinen, pelzigen und so fleißigen Hummeln ans Herz gewachsen. Sie beleben den Garten im Sinne des Wortes.

 

 

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Es war der Kater, der sie beim morgendlichen Spaziergang im kühlen und nassen Gras entdeckt hat. Mit der Nase hat er mich darauf gestupst. Sie blieb nicht lange, diese wunderschöne Libelle – aber gerade lange genug.

 

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„Was uns so klein erscheint, ist für andere die ganze Welt.“

 

 

11 Kommentare zu “Was uns so klein erscheint, ist für andere die ganze Welt. #Makrofotografie #landglück #prosa #plattdeutsch

  1. Tolle Fotos, zusammen mit dem Text bin ich da voll dabei. Sollte mal wieder eine schwäbische Variante testen.
    Ja, es ist eine Welt in die man da eintaucht sehr faszinierend. Ähnlich der Astronomie, da sinds eben unendliche Weiten.
    So fern und doch so nah!

  2. Wie immer ein Genuss – danke dafür! Mich faszinieren die kleinen Welten schon lange, und gerade die Makrofotografie hilft einem dabei, diese erst zu entdecken. Wow, was sich dann für eine wundersame Welt auftut…und dabei denken wir ungelenken, arroganten Menschlein immer, dass sich alles Relevante bei uns abspielt. Pah! 😉 PS: Diesen bezaubernden Frosch hätte ich auch gern an meinem Teich.

  3. die geschichte — herrlich und erstaunlich verständlich ohne übersetzung!
    die bilder — genau das richtige wo jetzt (fast) alles grau ist, wenn dann richtiges weiß käme wäre das auch zur abwechslung mal schön, aber ich freu mich schon jetzt wieder aufs bunt und die zeit wo man lang genug draußen stehen kann still an einem fleck um mit geduld irgendwem „aufzulauern“

  4. Ach, Heike, Königin der Makros 🙂 Diese Bilder sind wieder zum Niederknien! Mich hat es irgendwie auch direkt zum Detail und zu den Makros gezogen, als ich das erste Mal eine halbwegs taugliche Kamera in der Hand hatte. Diese kleinen Welten stecken voller Wunder und Schönheit.

    Und ich beneide dich zutiefst um deinen Rauhreif … ich würde so gerne auch mal ein paar schöne Winterfotos schießen, aber hier wird es einfach nicht kalt. Kein klitzekleines Eiskristall weit und breit.

    Liebe Grüße und einen schönen zweiten Advent
    Jana

    • Vielen lieben Dank, Jana. Raureif hatten wir gerade einmal. Und wenn er wieder kommt, dann ist hier alles verblüht und weg. Schade. Aber wir bekommen sicher noch einen schönen Winter mit vielen Eismotiven. ich baue ganz darauf. Liebe Grüße, Heike

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