Ein Tag am Meer #prosa #nordsee #winterblues

„Ja“, sag ich heut früh zum Mann, „wenn sich einer das Leben nehmen will und anderswo scheitert, hier oben im Norden im Winter stehen die Chancen gut für einen erfolgversprechenden Schritt ins Jenseits.“ Das sag ich mürrisch, während wir durch eine trostlos graubraunfarblosmüde Landschaft gondeln, auf der Suche nach Licht und Kontrasten. Und weil es seit Wochen trist ist, trübe und regnerisch. Weil der Winter uns bislang eben mal 4 Tage Frost beschert hat, keinen Schnee und rein gar nix vom klirrenden Zauber der kalten Jahreszeit.

Die Ponys stehen im Matsch. Die Wiesen sind geflutet. Der Wind macht aus 7 Grad plus 13 minus und klamme Knochen. Und die wenigen hellen Stunden reichen grad aus, um zum Briefkasten zu finden und wieder zurück.

„Ja“, sagt daraufhin der Mann. „Ich erinnere dich dann im Sommer wieder, wenns anderswo gießt und bei uns die Zitronen blühn.“

Und dann fahren wir an die See bei Sankt Peter und plötzlich weiß ich es wieder:
Dieses Land im Norden ist auch dann schön, wenn es trist ist, trübe und trostlos.
Es sind diese eigentümlich miteinander verschmelzenden Farbtöne.
Es ist das Weiche, das Übergangslose der Konturen.
Es ist die milde Strahlkraft des Lichtes. Es sind Wind, Wellen und Wasser.
Es ist die (fast) grenzenlose Weite, die Freiheit, die man fühlen kann.
Es ist die Kraft, die einen erfasst und die vom Meer ausgeht.
Es ist der Geruch nach Tang und Muscheln, Fisch und Salz, nach Diesel und Weite.
Es ist ein solch riesiges Stück unzähmbarer Natur, unterlegen den Gezeiten – Ebbe und Flut.

Und dann fahren wir heim. Ich hab Muscheln in der Hand. Sand in den Stiefeln. Sturmwind in den Haaren. Und eine merkwürdige Kraft getankt, die jeden grauen Gedanken weit hinaus spült aufs Meer.

Meer

„Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer
Nur Meer.“
(Erich Fried)

~ Meer zum Anhören ~

SanktPeterSönkeHF

 

SanktPeterWasserlauf

 

SanktPeterPanoramaStrand

 

SanktPeterToilettenhaus

 

SanktPeterMuschelImWasser

 

SanktPeterWasserpflanzen

 

SanktPeterRestaurant

 

SanktPeterSönkeImWasserII

 

SanktPeterSönkeImWasser

 

SanktPeterMuscheln

 

SanktPeterWattSchlick

 

SanktPeterPanorama

 

SanktPeterStrandhafer

17 Kommentare zu “Ein Tag am Meer #prosa #nordsee #winterblues

  1. Wie schön beschrieben! In St. Peter war ich als Kind oft, später mit Freunden zum Picknicken bei wirklich jedem Wetter und jeder Jahreszeit (bis hin zu Stränden voller Eisschollen)… und zuletzt vor ein paar Jahren mit den noch winzkleinen Zwillingen, die wir mühsam in der Riesenkarre durch den Schlick zogen. Traumort, Traumlandschaft, unbedingt!!

  2. Jawoll, da ist es auch wirklich immer schön. War schon einige male dort, aber an Weihnachten hatte es uns an die Ostsee gezogen, denn auch wir haben nur tristes Wetter und keinen Schnee.
    Zauberhafte Fotos.

    GlG Mathilda ❤

  3. Wow. Mir fehlten, was ich nie bemerkt habe, die Worte, um meine Faszination zu beschreiben. Diesen Antrieb, der mich Jahr für Jahr an die Küste treibt. Danke.

  4. Ach, wie ist das schön! Danke fürs Mitnehmen in deine bunte-graue Welt. Bin froh, dass du nicht mehr ins Jenseits möchtest und schicke dir einen dicken Sonnenstrahl aus dem Tal des Drachens. 🙂

  5. wie schön… wie beneidenswert.. und so viel freiraum, kein Mensch weit und breit. Ich finde auch das das Meer so eine bestimmte Power hat mit dem Wind zusammen, aber irgendwann is auch gut und man braucht dringend Wärme. Ich war mal im Sept. auf Rügen, der Wind hat mich total fertig gemacht weil es nie ruhig war und ich die falschen Sachen hatte. Aber wir haben auch in so nem komischen Gartenhäusl übernachtet wo man jedes geräusch gehört hatten und wir dachten manchmal das die Hütte gleich zusammenbricht.

  6. Das Meer – geliebt und verflucht…ich bekomme immer Sehnsucht, wenn ich Deine Berichte lese, Deine Fotos sehe! Gerade der Winter am Meer ist so besonders. Ich war zum letzten Mal im Februar 2004….es wird Zeit..

  7. Vielen Dank für die Reise ans Meer mit deinen Texten und den wunderschönen Bildern ! Muss im Urlaub auch immer unbedingt ans Meer und den Rest des Jahres vermisse ich es… Viele Grüsse aus Nürnberg von Anja

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