Quantensprünge auf vier Pfoten #prosa

Dass ich Katzen nicht mag, ist inzwischen vermutlich hinlänglich bekannt. Es erscheint auch nur im ersten Augenblick im absoluten Widerspruch dazu zu stehen, dass vor knapp 14 Tagen wieder zwei kleine Fellnasen im Wolfsnest eingezogen sind. Ein Leben ohne Katzen ist ja auch möglich, aber eben ein bisschen sinnloser als mit ihnen. Und schließlich muss ich die Biester nicht unbedingt mögen, um einen Heidenspaß an ihnen zu haben. Oder?

Da ist nun als Willy, der Ersteingezogene. Bilder von Willy gibt es im Grunde bis dato keine. Und das hat einen guten Grund: Willy lebt nämlich unter dem Schrank. Und das immer. Na ja, fast immer – aber dazu gleich mehr. Willys Geschichte ist schnell erzählt und bislang eher freudlos. Seine Mutter ist eine Maine-Coone-Zuchtkatze, die sich heimlich einen Liebhaber nahm, mit ihm in den Stall zog und dort für wenig standesgemäßen Nachwuchs sorgte. Als der entdeckt wurde, beendete man die Freiheit in Lebendfallen, packte die Tiere im Stall in einen großen Käfig, und Willy verlor nach und nach die Geschwister an Katzenfreunde. Bis nur noch er übrig war. Die kleine Plüschbombe ist etwa im Juni/Juli  letzten Jahres auf die Welt gekommen, hatte seither nicht wirklich Kontakt zu und mit Menschen. Und auch nicht wirklich Interesse an einer innigeren Freundschaft, wie es schien. Bevor wir ihn zu uns nahmen, saß er in einem Badezimmer und verstand vermutlich die Welt nicht mehr.

Zugegeben, durchdacht war es nicht, den kleinen Kater ins Haus zu holen. Hätten wir das durchdacht, wäre er sicher heute nicht bei uns. Denn im Nachhinein fanden sich unzählige Katzenkenner, die uns wenig bis gar keinen Mut machten, dass aus dem Tierchen jemals ein zutraulicher Mitbewohner würde.
Von Anfang an aber war klar: Willy sollte nicht alleine bleiben. Und rein dem Instinkt gefolgt, sollte auch nicht allzu viel Zeit vergehen bis er wieder in Katzengesellschaft leben könnte.

Und so kam Kalle ins Spiel. Und zwar gleich einen Tag später.

Auch Kalles Geschichte ist nicht die einer glücklichen Katze. Er dürfte etwa gleich alt sein wie Willy. Und er wurde als Fundkatze im Tierheim abgegeben, wo er etwa seit September in einem Katzenzimmer saß und auf seine Zukunft wartete. Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Der kleine Kerl lag auf der Heizung und hatte nicht wirklich Interesse an Besuchern. Ein grauer und aufgeweckter Tiger-Kater war da schon eher interessiert.
Sagen wir es so: Kalle ist ein Kind der Vernunft gewesen. Eher ruhig und betulich sollte er mit seinem ausgeglichenen Charakter ein vertrauensfördernder Gegenspieler zum schüchternen Schrank-Willy werden.

Inzwischen sind 14 Tage vergangen.
Kalle gehört quasi schon zum Inventar. Als habe er nie irgendwo anders und mit anderen gelebt, bewohnt er entspannt und sichtlich zufrieden das halbe Haus. Er ist ähnlich verfressen, wie unser guter alter Jimmy. Er quatscht mit uns, ist viel, viel aufgeweckter als angenommen und ein echter Sonnenschein, der uns schon so viele Male zum Lachen und auch zum Staunen brachte. Seine originelle Fellzeichnung, die winzige rosa Nase, der schwarze Fleck am Kinn – Kalle ist ein echter Wonneproppen. Und ganz wie wir das gehofft hatten, lockt sein natürliches und gesundes Vertrauen auf das Leben und uns Menschen auch den kleinen wilden Willy aus der Reserve.

Lang wie ein Krokodil, immer auf dem Gewief und immer bereit zur sofortigen Flucht unter den Schrank, erkundet der nach 14 Tagen Bedenkzeit nun auch sein neues Zuhauses. Er spielt mit Kalle und allem, was wir ihm anbieten. Und fasst ganz langsam und jeden Tag ein kleines Stückchen mehr Vertrauen in das, was ihn umgibt. Bis aus ihm ein entspanntes und ausgeglichenes Lebewesen wird, wird wohl noch viel Zeit ins Land gehen. Aber die ersten Schritte sind gemacht und als er gestern Abend zum ersten Mal bar jeglicher Deckung mitten im Zimmer auf der Seite lag, sich streckte und gähnte – da war das schon ein echter Quantensprung.

Unsere beiden im letzten Jahr gestorbenen Kater Jimmy und Sammy liegen am oberen Ende des Gartens unter den Erlen nebeneinander. Sie waren die ersten Katzen in meinem Leben, abgesehen von denen aus Kindertagen. Sie fügten sich in unser Leben ein, wie wir uns in das ihre. Am Ende konnten wir nicht einmal mehr genau sagen, ab wann genau sie eigentlich zu uns gehörten und nicht mehr „nur“ die Katzen von den Nachbarn waren, die sie einfach hier zurückgelassen hatten und weggezogen waren. Sie waren zusammen in unser Leben gekommen und auch gemeinsam (fast) wieder gegangen. Mir hat seither Leben im Haus gefehlt. Dieses unverschämte, fordernde und kapriziöse Katzenleben, das ich gar nicht mag. Aber irgendwie schätzen und lieben lernte.

Ein paar Wochen noch, dann dürfen Kalle und Willy nach draußen. Und dann fängt es erst so richtig an – das Katzenleben im Wolfsnest.
Wir freuen uns darauf.

„Die Katze ist ein freier Mitarbeiter,
der Hund ein Angestellter.“

Kurt Tucholsky

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Alles ist fürchterlich – der kleine Willy bei seiner Ankunft im Wolfsnest

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14 Tage später – gut Ding will eben Weile

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Ein Quantensprung – Willy zeigt sich ganz

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Eine Seele – der kleine Kalle

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Und ein Glücksfall für uns – die beiden Kater mögen sich

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26 Kommentare zu “Quantensprünge auf vier Pfoten #prosa

      • Naja, es gibt ja auch eine Menge „Heiken“ 😉 Und ein Fussel ist es eben nun mal. Habe ich dir schon mal erzählt, dass Mademoiselle, die kleine Katzenmietz nur auf Grund der leuchtend rosa Pappnase ausgewählt hat? Geboren am Valentinstag (oder damals Rosenmontag) vor nun schon 16 Jahren. Die Pappnase leuchtete von Ferne … quasi. Dazu die riesigen Yoda-Ohren 🙂 Ich muss mal wühlen, irgendwo muss es noch ein Babyfoto von der Pappnas geben.

  1. Das ist sooooooooooooooo schön und da wirds noch viel freude geben! MaineCoone sind (auch als mix) hochintelligent, unser mika läßt grüßen, und meine damenwelt wär hin+weg wenn sie ihn zu gesicht bekäm.
    kalle dagegen ist „einfach“ nur ein klassetyp und zusammen … zieht Euch warm an 🙂

  2. Ich schätze Tucholsky sehr und bin etwas enttäuscht von der geistigen Pleite, die er in diesem Statement offenbart, aber viele Katzen“besitzer“ sehen sich ja als intellektuelle, sensible, höherwertige Mitglieder der Gesellschaft und betrachten Hundeleute mit geringschätzigem Bedauern, dabei fordert der Umgang von Hunden viel mehr. Ich bin mit Katzen aufgewachsen – sie waren praktisch mit meinem Nacken verwachsen und das bis ins ‚hohe Alter‘. Liebe Katzen noch heute, bin aber auch ein Hundemensch und kann die Dinge so von verschiedenen Seiten betrachten. In unserer Praxis wurden viele ungeliebte, wilde Katzenkinder zum Einschläfern abgegeben. Das waren jene, die nicht gleich ersäuft wurden. Viele habe ich -mit dicken Arbeitshandschuhen!- gezähmt und eines Tages schnurrend in ein gutes Zuhause übergeben. Das waren schöne, unvergessliche Momente. Deshalb bin ich guter Hoffnung für dein schüchternes Baby, das wird schon! Ein herzliches Willkommen den beiden Jungs und euch allen ein frohes, sorgenfreies Miteinander 🙂

    • Hallo liebe Annette, ich glaube nicht, dass die schiere Unterscheidung in Angestellte und freie Mitarbeiter etwas über den Intellekt sagen will. Weder über den des Tieres noch über den seiner Besitzer. Ich habe das Zitat gewählt, weil Hunde einen festen Platz in ihren Familien und nicht selten auch feste Aufgaben haben, die sie erledigen. Haus bewachen, Herr und Hof beschützen, Zeitung holen, Herde beschützen, einen blinden Menschen führen etc. Katzen dagegen kommen wann sie wollen und sie tun was sie wollen und wenn man als Mensch Glück hat, dann überschneiden sich die eigenen Wünsche mit denen des Tieres.
      Ich habe 17 Jahre lang einen Hund gehabt und nun seit 10 Jahren Katzen, ich kann die Dinge also auch von verschiedenen Seiten betrachten und habe ganz sicher nicht vor, zwischen Hunde- und Katzenbesitzern abzuwägen. Wohl aber, zwischen Hunden und Katzen zu unterscheiden 🙂
      Ich hätte übrigens sehr gerne wieder einen Hund. Da er aber sehr viel mehr Raum, Zeit und Verantwortung erfordert als eine Katze, die kommt und geht wann sie will, kann ich das leider bei uns unterm Dach nicht „durchsetzen“ im Sinne von überzeugen.
      Ich glaube Herr Tucholsky hat etwas Ähnliches gemeint. Oder besser: Ich habe mich seiner bedient um genau das auszudrücken.
      Über die Arbeitshandschuhe denke ich nach. Bislang nähern wir uns einander so, wie es das Vertrauen des kleinen Willy möchte.
      Liebe Grüße und vielen Dank für deine lieben Wünsche, Heike

      • Liebe Heike, habe mir danach ganz fest auf die Finger geschlagen, weil ich dachte, es kommt evtl. nicht rüber wie gemeint, aber ich hatte es nicht auf dich gepolt, sondern bin generell etwas entnervt was diese Polarisierung angeht. Schliesslich ist die Welt ja auch nicht schwarz und weiss, zumindest für mich nicht… aber es ist mir klar, für viele schon. Mea culpa. Bei meiner Zähmung der Wilden hatte ich die Tierchen nicht zuhause um mich herum wie du, sondern während ich meinen Dienst tat, deshalb die Handschuhe, die zum Ergreifen nützlich waren. Sobald die Tierchen in meinem Arm lagen, war es kein Thema mehr. Schlimm, was Menschen den Tieren antut, sonst wäre das alles kein Thema. Bin zumindest froh, ein paar von ihnen den Sensenmann erspart zu haben ;). PS: Wie’s Tucholsky meinte…tja, das bleibt wohl ein Geheimnis. Wenn du unseren Vierbeiner sehen könntest, wärst du eines Besseren belehrt. Das mit Zeitung holen, Herde beschützen werde ich morgen mal erwähnen!

      • Ich habs ganz bestimmt nicht persönlich genommen, aber ich hatte mich gewundert über so viel Temperament aus dem Stegreif 😀 Natürlich weiß ich auch, was du meinst und halte das auch für recht albern, da eine Art Konkurrenz unter diesen und jenen in vielen Kommentaren herauszulesen. Übrigens kenne ich recht viele Tierfreunde, die gleich beides unter einem Dach beheimaten – Hund und Katz. Das schließt jede Spekulation gleich per se aus.
        Was macht denn der hübsche Bursche bei euch? Rehe scheuchen? Maulwürfe fangen? Oder genießt er einfach nur seinen wunderschönen Freilauf ringsum? 🙂

      • Oh ja, Temperament habe ich schon 😉 …unsere Hunde -wir hatten zeitweise drei- haben immer mit den Katzen im Korb gelegen, ist wunderschön! Unser Mädel liegt gerade vor dem Ofen und streckt die Pfoten Richtung Flammen,, während es draussen flöckelt. Für Rehe hat sie eine Schwäche, für Maulwürfe weniger. Ridgebacks sind Geniesser und lieben den Komfort…und die Freiheit. Das alles teile ich mit ihnen. Liebe Grüsse ❤

    • Ich kann deine leidenschaftliche Reaktion verstehen, liebe Annette. Meine Eltern sind auch solche „Katzenmenschen“, die zuviel von diesen komsichen Katzenglorifizierungsbüchern gelesen haben.

      Dabei hängen (oder besser gesagt hingen) sie so sehr an ihrer Katze und haben sich ständig Sorgen um sie gemacht, wenn sie nicht unter Kontrolle war. Die vielbeschworene Unabhängigkeit der Katze war eigentlich ein echter Störfaktor.

      Sie wären mit einem Hund wirklich in jeglicher Hinsicht besser bedient, sind aber leider von dieser putzigen Katzenmenschenideologie indoktriniert … so kann man sich selber im Weg stehen 😉

      Liebe Grüße
      Jana

      • Liebe Jana, vielen Dank für die lieben Worte. Ich kann einfach das Gedöns nicht mehr hören, dass Leute mit Hund auf einem niederen Niveau sind, das ist alles…und habe mir das versehentlich bei der netten Heike von der Seele geredet, was ich mittlerweile bereue. Gestern kam mir in den Sinn, dass Hunde’halter‘ nie mit derartigen Sprüchen über Katzen’halter‘ daherkommen – warum das wohl so ist? ;), ganz liebe Grüsse!

      • Wir hören ihn morgens, aber „verhalten“ 🙂 jedes zweite Haus hat Enten, Tauben, Hühner…da kommt es so genau nicht darauf an….kann auch sein, dass ein anderer kräht

        Liebe Grüße, Sabine

  3. Liebe Heike, die Geschichte deiner neuen Kätzchen ist sehr anrührend und ich drücke dir bzw. dem kleinen Willy ganz fest die Daumen, dass er sein Trauma überwindet und das Leben bei euch richtig genießen kann. Ein hübsches Kerlchen ist er – reinrassig hin oder her 😉

    Leider geht’s mir in Katzenhäusern immer mal wieder leicht asthmatisch und bei mir wurde auch eine Katzenallergie diagnostiziert – insofern stellt sich (leider) die Frage nach so einem Fellbündel nicht.

    Dann wohl eher irgendwann mal ein Hund 😉

    Liebe Grüße
    Jana

  4. oh ich kann verstehen, warum du Katzen magst und etwas in deinem Haus vermisst hast! 🙂
    Ich habe jetzt seit fast einem halben Jahr Katzen und sie haben sozusagen mein Leben gerettet 😀 auch zwei so spezielle Kandidaten 🙂
    Liebe grüße und hallo auf deinem Blog!!!
    maxihinks

    • Hallo Maxi, ich war gerade bei dir zu Besuch. Mich interessieren immer auch gerade die Dinge/Themen, mit denen ich mich selbst eher seltener befasse. Dazu gehört zum beispiel ein Stichwort „Hass“, das ich in deinen Tags gefunden habe. Gleich beim ersten Text, den ich gelesen habe, hätte ich gerne etwas dazu geschrieben, aber das ist bei dir nicht zugelassen, vermutlich auch aus gutem Grund 🙂
      Darum schreib ich dir hier, dass ich deine Texte sehr interessant finde. Sei eigenen sich nicht, einfach „drüber zu lesen“, wie man das ja oft so macht. Ahhhh, mooooooment … 😀

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