„Vorsicht vor diesen Häufchen!“ – Von der Treibjagd auf den Wolf

Foto: Bernard Landgraf, mit freundlicher Genehmigung

Foto: Bernard Landgraf, mit freundlicher Genehmigung

Die anhaltende Berichterstattung über den Wolf hat mich zu einem Artikel veranlasst, der im Rahmen meiner wöchentlichen Kolumne auch in der Zeitung veröffentlicht wurde. Außerdem „schenke“ ich dieser grandiosen Tierart zwei Ausgaben meiner Kinderseite. Für die wundervollen Bilder bedanke ich mich sehr herzlich bei

Bernard Landgraf, Kathi von Kathis Fotoalbum, Verena Kumaus und „Durch die Linse“, Irene Gremminger, Heike Wolter, Frauke Pieper-Keller, Nicole Markmann Nelson und „Simply Klick Photography“, und ganz bestimmt nicht zuletzt bei Cristine Bendix.

Cristine und ihr Mann waren gemeinsam unter Wölfen und zwar im Gehege einer Wolfsforscherin, die die Tiere von Hand und mit der Flasche aufgezogen hat.
Cristine antwortete auf die Frage zur Geschichte hinter den Bildern: Nun ja, eine lange Geschichte… aber kurz gesagt: Ich hatte meinem Mann, der Wölfe wie nichts auf der Welt liebt, die Begegnung mit dem Wolf zum 60. Geb. geschenkt und ich durfte auch mal… Das kleine Rudel wurde von einer Wolfsforscherin mit der Flasche aufgezogen. Sie sind zahm aber nicht so so zahm wie es erscheinen mag. Aber es war eines der intensivsten Erlebnisse meines Lebens, das ist sicher!



Vorsicht vor diesen Häufchen!

Wenn wir nicht am Leben selbst sterben, dann raffen uns bevorzugt Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Diabetes, Verkehrs- und selbst Durchfälle dahin, das hat die Weltgesundheitsbehörde ermittelt. Auf der Liste der häufigsten Todesursachen ist er also nicht zu finden und auch nicht auf jener der gefährlichsten Tiere weltweit. Dort stehen – an der Spitze der Hitliste tierischen Verderbens – winzige Mücken, Schnecken, Schlangen und Frösche.

Die Rede ist vom Wolf, der zwar in keiner Statistik als Killer dafür aber in so gut wie allen Zeitungen dieser Republik aktuell als Bedrohung „nationaler Sicherheit“ in den Schlagzeilen eine Rolle spielt. Gesprochen wird dann oft vom „nachgewiesenen Wolf“, als habe man ein Verfahren entwickelt mit dem das leibliche Vorhandensein dieser Spezies in heimischen Gefilden zweifelsfrei zu ermitteln sei, ganz so wie weiland im Biologieunterricht Stärke mittels Iodprobe in der Kartoffel.
Am einfachsten scheint der hundertprozentige Nachweis zu erbringen, indem man den Wolf einfach überfährt. Liegt er dann leichenstarr am Straßenrand, erkennt auch der Laie auf den ersten Blick: Das tote Tier ist ein toter Wolf!
So bereits geschehen im Spessart, bei Bad Soden Salmünster, im Main-Kinzig-Kreis, nahe Celle oder jüngst bei Bordesholm in Schleswig-Holstein. Oder anders gesagt: Wären wir – proportional gesehen – bei der Bekämpfung der Anopheles-Mücke so erfolgreich, wie im „Straßenkampf“ mit dem Wolf, die Malaria hätte ein Existenzproblem.

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Foto: „Durch die Linse“, mit freundlicher Genehmigung

Die großen Drei, so werden Bär, Luchs und Wolf auch gern genannt, waren einmal weithin verbreitete heimische Raubtiere. Dem Vierten im Bunde, dem Menschen, ist es über Jahrhunderte gelungen, sie nahezu auszurotten. Der Wolf kehrt nun zurück zu uns und ist hier so willkommen, wie die dreizehnte Fee bei der Taufe von Dornröschen. Überhaupt Märchen – um kein anderes Tier kreisen mehr Legenden und Horrorgeschichten als um Isegrim, den Wolf; ein Fabeltier, eine dunkle, wilde Gestalt im Schauermärchen und neuerdings unfreiwillig gekrönt der (Schlagzeilen-)König der Tiere. Er lüge, sei rücksichtslos, gierig und böse, so beschreibt ihn die Fabel. So muss er auch sein, anders ist die Angst vor ihm nicht zu erklären. Eine Angst, die auch renommierte Tageszeitungen dazu bringt, uns einen kreuzbraven, alten Deutschen Schäferhund im schummrigen Licht einer Straßenlaterne als Wolf zu verkaufen, fotografiert von zwei Schülerinnen bei Nacht.

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Bild: Nutzung gemeinfrei

„Herausforderung Wolf“, „Der Wolf geht um“, „Schaf in Ostwestfalen gerissen“, „In Deutschland wächst die Angst vor Wölfen“, „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ – die schnelle Schlagzeile auf vier Pfoten ist ein Garant für Aufmerksamkeit und im Netz für hohe Klickzahlen. Unübertroffen das Blatt mit den vier großen Buchstaben, das aktuell auf seinem Titelbild einen Wust aus Haaren und Fell mit dem Meterstab vermisst, um dann zu titeln: „Vorsicht vor diesen Häufchen!“ Woraus man schließen darf, dass nicht allein der Wolf gefährlich ist. Man solle es, glaubt man der Überschrift samt Bild, besser auch nicht mit seinem Kot aufnehmen.

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Der Wolf spaltet die Nation, entfacht Debatten und hitzige Diskussionen, ja er „breitet sich in Deutschland aus“, wie die Süddeutsche schreibt. Und nicht nur da, er nistet sich auch ein im Bewusstsein und in unseren Gedanken, wo er Urängste weckt.
Taucht sein Schwanz irgendwo auf zwischen Garmisch und Flensburg, dann meist mit der Unterstellung „atypischen Verhaltens“, gerade so, als gäbe es zum Thema „Der Wolf und das Reihenmittelhaus“ bereits Langzeitstudien. Also darüber, wie sich das Tier zu verhalten habe in Ballungsräumen, in denen schon der Mensch kaum Schutz findet vor Verkehr, Lärm und Industrie. Im Cicero ist auch die Rede von einer „gefährlichen Willkommenskultur“, einem „Fachterminus“ dem der besorgte Europäer sonst eher dann begegnet, wenn es um die Zuwanderung menschlicher Flüchtlinge aus Krisengebieten geht.

Zwischen dem Rotkäppchen-Mythos und der naiven Verharmlosung eines Raubtieres liegen ganz sicherlich mehr als ein paar gerissene Schafe. Würde mich morgens auf der Weide ein Wolf begrüßen, ich würde vermutlich vor schierer Angst jeden Satz bereuen, den ich je zum Thema geschrieben habe. Aber – es geht um eine grundsätzliche Frage und die lautet:
Mit welchem Maß messen wir, wenn wir uns nur dort für den Schutz wild lebender Tiere stark machen, wo wir ihnen maximal aus der Sicherheit eines Safari-Busses begegnen? Mit welchem Recht wollen wir Wilderern in Afrika das Handwerk legen, Tiger in Sibirien und Indien vor dem Aussterben bewahren, Japanern und Isländern den traditionellen Walfang vergällen? Was sind uns Braun- und Eisbär, Elefant und Panda, Nashorn und Menschenaffe, wenn wir scheitern vor der eigenen Tür?

Bei uns draußen lebt ein Fuchs. Vielleicht holt er sich irgendwann eine meiner Enten. Das wäre traurig. Für die Enten. Und auch für mich. Aber es wäre auch ein letztes bisschen Natur, das angeblich so viele von uns so sehr lieben. In Magazinen, Katalogen, auf Hochglanzbroschüren, in Filmen und wenn wir Urlaub machen.

In den Ländern übrigens, in denen der Wolf und andere große Beutegreifer nie ausgestorben waren, wurde die Tradition der Arbeit mit Herdenschutzhunden nie unterbrochen. Vielleicht findet sie ja auch bei uns wieder Einzug, ganz wie der Wolf selbst, wenn ihn bis dahin nicht die fetten Lettern der fetten Schlagzeilen auf seinem Weg zurück in die Zukunft erschlagen haben.


Wölfe,
in freier Wildbahn, im Zoo und Wildpark und in einem speziellen Wolfsgehege

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Foto: Verena Kumaus, „Durch die Linse“

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Foto: Nicole Markmann Nelson, Utah/USA – „Simply Klick Photography – N. Markmann Nelson“

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Foto: Heike Wolter, Berlin

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Foto: Irene Gremminger

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Foto: Heike Pohl, Wildpark Eekholt

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Foto: Frauke Pieper-Keller, aufgenommen in Alaska

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Foto: Cristine Bendix

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Foto: Cristine Bendix

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Foto: Cristine Bendix

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Kinderseite, Thema Wolf, Teil 1 (Teil 2 folgt in KW 13) als PDF zum Herunterladen

Kinderseite KW 12 nachgereicht

 

Kinderseite, Thema Wold, Teil II als PDF zum Runterladen.

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11 Kommentare zu “„Vorsicht vor diesen Häufchen!“ – Von der Treibjagd auf den Wolf

  1. Hier in der Schweiz in Graubünden in der Nähe von Chur hat sich ein Rudel angesiedelt. Ein Riesentheater ausgehend von den Jägern, die Angst um ihre Schussquoten haben. Die Schafbesitzer zogen mit, da der Wolf Mehraufwand für sie bedeutet. Die Wölfe haben sich nie auffällig verhalten. Einmal im Winter ließen sie sich in der Nähe eines Dorfes blicken.
    Ein wunderbarer Artikel. Danke dir und liebe Grüße Erika

  2. Es wäre gut und wichtig deinen informativen und kritischen Artikel jeder deutschen Zeitung zur Verfügung zu stellen. Wobei ja klar ist, dass nur die ihn lesen, die wirkliches Interesse am Wolf und an der Natur an sich haben…Ich fürchte, es wird so kommen, dass finanzielle Interessen und Panikmache mal wieder vor den Naturschutz gestellt werden. Die Menschen verlernen einfach, mit Tieren (auch schon mit Hunden ) entsprechend umzugehen. Alles muss man ohne Schwierigkeiten im Griff haben und nichts darf das Eigentum und das bequeme Leben „bedrohen“. Viele Grüsse aus Nürnberg von Anja

  3. Toll (y) Ich hoffe, dass der Wolf nicht von Lettern oder anderen Sachen erschlagen wird und wieder eine Heimat bei uns findet.

  4. Pingback: “Vorsicht vor diesen Häufchen!” – Von der Treibjagd auf den Wolf | heike pohl

  5. Liebe Heike, was für ein toller Artikel! Danke dafür. Das Thema Wolf bringt mich regelmässig auf die Palme, da ich mit einem Bein im Wallis lebe. Dort hasst man das arme Tier wie nirgendwo, es wird systematisch verfolgt und illegal abgeschossen. Warum? Weil man zu bequem ist, Herdenschutz zu betreiben. Es ist einfacher, die Viecher auf die Alp zu schicken und am Ende des Sommers jene einzusammeln, die noch übrig sind. (Was die Sömmerung der Landschaft antut, ist ein anderes trauriges Kapitel…) Entschädigt werden die Bauern reichlich, wenn ein Schaf dem Wolf zum Opfer fällt, so dass sie die Dinge gern so drehen, dass es aussieht als ob…und natürlich erwischt es immer das beste Zuchttier! Fakt ist, dass im Lauf der Sömmerung zahlreiche Tiere abstürzen und an Krankheiten sterben, denn es schaut ja keiner mehr nach ihnen. Dem Wolf kann man nur wenige unterschieben. Manchmal fühle ich mich ins Mittelalter zurückversetzt, wenn ich Leuten und Medien zuhöre. Wir sind so naturentfremdet und dreist dazu, meinen, wir sind die Krönung und dürfen uns alles unter den Nagel reissen. Das macht mich so wütend! Tiger- und Nashorn-Patenschaften finden wir okay, aber bei uns wird ausgerottet was nicht passt. Kranke Welt. In Ostdeutschland und Italien kommt man, meines Erachtens, ganz gut mit Wolf und Bär zurecht. Ich glaube zwar nicht an ein Umdenken, weil den meisten die geistige Kompetenz zum Denken fehlt (Goethe sagte: Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt. Aber vielen bleibt es erspart.), aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

  6. Ich finde deinen Artikel ebenso sehr gut. Ich finde es schlimm, wie die Menschen über alles bestimmen und sich die Natur zu eigen machen wollen.
    Wölfe sind so herrliche Tiere, wie alle anderen auch. 🙂
    Danke für deinen Artikel.

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