Blueme für d‘ Oma vu Schwenninge

Am Todestag eines Menschen kann man um ihn trauern.
Und man kann sich darüber freuen, dass er gelebt hat.

Es gibt Menschen, die machen um ihre Person kein Gewese.
Jedes Maß an Aufmerksamkeit ist ihnen eines zu viel. Von außen scheint es, als haben sie die ihnen vom Leben zugedachte Aufgabe bedingungslos angenommen und erfüllten ihr Pensum nahezu klaglos heiter.

Solch ein Mensch war meine Oma Emma aus dem Schwarzwald.

Oma Jung

Emma, als sie konfirmiert wird

Es gibt sie nicht, die eine – die große – Erinnerung an diese bescheidene Frau, die meine Mutter zur Welt brachte. Sie war klein und von Jahr zu Jahr kleiner.
Über Sport, Yoga und Gymnastik zum Ausgleich hätte sie wohl nur müde gelacht.
Ausgleich wofür? Stattdessen war sie auch mit über 70 noch schneller, ausdauernder und sicherer auf den Beinen, als man glauben mochte.
Als junge Frau und Mutter ging es in aller Herrgottsfrühe zu Fuß oder mit dem Rad in die Fabrik. Und am Mittag schnell nach Hause, um zu kochen für ihren Mann und ihre Kinder. Haushalt, Arbeit, Garten- und Feldarbeit in einer Zeit, in der fließendes Wasser und eine zentrale Heizung für viele Menschen – und auch für sie – ein Traum gewesen war.

Prinzipien hatte sie. In aller Zurückhaltung. Und eine klare Vorstellung davon, was man tut und was nicht. Und sie war von einer Bescheidenheit, wie ich sonst keinem Menschen begegnet bin. In der Stube ihres Hauses in Schwenningen stand ein Gerät, das uns Kinder magisch anzog. Eine Kommode mit Innenleben – eine Musiktruhe mit Schallplatten aus Schellack und einem Radio integriert.
Nahezu in Endlosschleife mussten sich meine Großeltern „Tom Dooley“ anhören, mein Heimweh aushalten, mich zur Kurklinik nach Bad Dürrheim chauffieren und über allem ihre Geduld bewahren.

Dem Schwarzwald, der Heimat meiner Oma, haftet etwas Geheimnisvolles, Dunkles und Mystisches an. Etwas von einer Ursprünglichkeit, wie ich sie seither nirgendwo anders in Deutschland erlebt habe. Vielleicht kann ich es am ehesten vergleichen mit einigen Gegenden in Tirol.
Ich weiß, dass die Tage bei der Oma in Schwenningen wie ein kleines Abenteuer waren, das ich einerseits auskosten wollte und vor dem ich andererseits auch Manschetten hatte. Wir fuhren in einen großen Wildpark mit Rehen und Wildschweinen, sammelten Heidelbeeren, bis der Rücken schrie. Und ich staunte über die Dinge, die ich nie zuvor gehört hatte und von denen ich glaubte, nur meine Großmutter wisse sie. Über einen Pilz, der aussah wie ein Blumenkohl. Setzte man dieses Ding in Milch, dann wurde sie sauer. Geschmeckt hat mir das nie, aber dass sie derart „zaubern“ konnte, das hat mich sehr beeindruckt. Vielleicht war es eine Ahnung davon, wie viel Wissen – mit dieser Generation fest verbunden – einmal aus dieser Welt verschwinden würde. Weil niemand mehr es braucht.

Von der Stube und Küche ging es zwei Treppen hinab in den Keller. Vom Sinn und Zweck einer Kohlenschütte hatte ich keine Ahnung. Aber dass dieser Keller mehr war, als nur Stauraum unter der Erde, das machten die sorgsam gebauten Holzregale klar, in denen ordentlich und sortiert Eingemachtes, Eingekochtes und einige wenige gekaufte Vorräte Platz fanden.
Pflaumen, Mirabellen, Heidelbeeren, Apfelmus, Bohnen, Erbsen, Kraut, Gurken – ich meine als Kind all diese Schätze dort entdeckt zu haben. Und wie Schätze wurden sie gehandelt. Es war etwas Besonderes, ein solches Glas zu öffnen. Und es sollten ein paar Jahre vergehen, bis ich begriff wie kostbar eine Speise ist, die man selbst gepflanzt, geerntet und verarbeitet hat.

Tomaten eingelegt-1390188
Einmal war Oma zur Kur. Wir haben sie in Bad Ems besucht und sie sah sehr schick aus. Was eine Kur genau ist, habe ich vermutlich nicht verstanden. Nur das: Sie musste überredet, überzeugt und ein bisschen fast gezwungen werden, einmal in ihrem Leben nichts zu tun, die fleißigen Hände in den Schoß zu legen und zu akzeptieren, dass sich andere um sie kümmerten.

Auch das ist eine Erinnerung: Das kategorische „Nein!“ zur Spülmaschine und das kleine Lied der Ausflüchte, das Geschirr wie eh und je von Hand abzuwaschen. Es war diese freie Entscheidung, nicht alles gut finden zu müssen und sinnvoll, nur weil es neu war und modern.

Oma mit Kindern

Emma mit ihren Kindern (rechts meine eigene Mama)

Im Schrank, neben dem guten Porzellan von Rosenthal, standen die Bilder ihrer beiden Brüder, die sie an den Krieg verloren hatte. Wie sie diese Zeit selbst erlebt hat, wir haben nie darüber gesprochen. Mein Opa war in Gefangenschaft in Norwegen gewesen, meine Oma war eine von tausenden junger Mütter, die allein zurückgeblieben waren und ihre Kinder ernähren und versorgen mussten. Sie zu fragen danach, ich kam nie darauf. Vielleicht auch hätte sie gesagt, es sei ja nicht nur ihr so gegangen. Und zudem habe sie Glück gehabt.

Manchmal höre ich meine Großmutter sprechen. Immer dann, wenn meine Mutter Worte sagt, die man nur in Schwenningen spricht.

Am Schluss war alles an ihr krumm. Der Rücken, die Beine, die Finger, die Hände. Nur von der Energie war nichts verloren gegangen über all die Jahre Arbeit und Leben.
Wenige Tage, bevor sie in einem Krankenhaus nach einem Schlaganfall verstorben ist, waren wir alle bei ihr gewesen. Ich erinnere mich an ihre Augen, ihr liebes Gesicht, an die Hände die mich von Kindheit an begleitet haben.
Dass Großeltern sterben, es gehört zum Leben dazu.
Und manchmal dauert es einige Jahre, bis das Leben die Zeit und Ruhe lässt, den Verlust der Großeltern, ihres Wissens, ihrer Geschichten, ihrer Erkenntnisse und der Geschichte ihres Lebens in vollem Umfang zu begreifen.

Es ist dein Todestag, liebe Oma Schwenningen.
Ich denke an dich. Und die Blumen tragen deine Mundart.
Und alle wachsen sie in meinem Garten, viele hundert Kilometer vu Schwenninge weg.

 

Dotterblumen-1510860

Dotterblueme

 

Leberbliemle-1510863

Leberbliemle

 

Schlüsselblumen-1510464

Badengele

 

Viigele

Viigele

 

Wegsoecher

Wegsoecher

 

Judezibele

Judezibele

 

Oschterblueme-1510561

Oschterblueme

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Blueme für d‘ Oma vu Schwenninge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s