Zwischen Ginster, Lupinen, Wasser und Ton – ein Spaziergang bei Mehlbek

Steinbrüche sind tiefe Wunden, die man der Erde zufügt. Das habe ich schon als Kind gedacht, wenn wir bei unseren sonntäglichen Ausflügen an den riesigen Brüchen, verteilt über die Schwäbische Alb, vorbei fuhren. Ein kleinerer Steinbruch befand sich in der Nähe unseres Dorfes. Manchmal waren wir dort – verbotener Weise – um zu spielen und um nach Versteinerungen zu suchen. Im Schiefergestein waren Ammoniten und das bei uns Kindern so beliebte Katzengold – Pyrit – zu finden. Ja, wir gerieten in regelrechte Goldgräberstimmung und überboten uns gegenseitig mit unseren Beutestücken. Und doch war da immer dieses Gefühl, dass etwas Unwiederbringliches zerstört worden war – unversehrtes Land, bislang lediglich oberflächlich bestellt – in das sich nun die Zähne und gefräßigen Kiefer großer Maschinen verbissen hatten, um gigantische Wunden aufzureißen.

Ganz in meiner Nähe liegt die Tonkuhle Mehlbek oder auch Tongrube Muldsberg, ein sogenanntes Tagebaurestloch, entstanden durch den Abbau von Ton. Zwischen 1936 und 1996 wurde dort Ton für die Herstellung von Zement abgebaut. Eimerkettenbagger beförderten den Ton aus der Tiefe, erst über eine Seibahn und später dann über Förderbänder wurde der Ton an den Grubenrand und von dort ins Zementwerk nach Lägerdorf befördert. Nach Stilllegung im Jahr 1999 füllte sich die riesige Tongrube nach und nach mit Grundwasser. Ein etwa fünf Kilometer langer Rundweg führt – mal näher und mal weiter entfernt – um den See, der heute ein Biotop und wieder Heimat für viele Tiere und Pflanzen ist.

Rund um den See finden sich wilde Rosen, riesige Robinien, Holunder, Birken, Kastanien und – speziell im Juni – tausende blühender Lupinen, mitunter golden eingefasst in die Ginsterblüte. In den mitten im See stehenden toten Bäumen versammeln sich Kormorane, um zu nisten. Und auf dem See geben sich hunderte Graugänse und andere Wasservögel ihr Stelldichein.

Obwohl die Tongrube ein idealer Naherholungsort ist, trifft man dort auf (angenehm) wenige Menschen. Und leider auch (noch) auf zu wenig naturbelassene Flächen. Die angrenzenden Felder sind durchweg bestellt – hier reifen Gerste, Weizen und andere Getreidesorten. Und das so sortenrein, dass sich Kamille, Mohn und Kornblume allenfalls verlaufen haben müssen, so selten sind die anzutreffen. Ich habe sehr viel Sympathie für die Landwirtschaft und die Landwirte und es wäre tatsächlich schön, wenn sich hier durchsetzte, dass man der Natur ein bisschen (mehr) von dem zurückgibt, was man ihr nimmt. Die Bundesländer gehen so weit, Prämien zu bezahlen für diejenigen Landwirte, die an den Rändern ihrer Felder etwas Raum für Blühendes und damit für die Förderung blühender Landschaften lassen. Dabei müsste es eigentlich selbstverständlich sein, dass wir den Bienen und damit auch uns die Natur zum Geschenk machen,ganz ohne monetären Gegenwert.

 

Bei knapp fünf Kilometern Strecke reicht einfaches Schuhwerk, die Sonne scheint und die Natur strahlt.
Darf ich einladen auf einen Spaziergang rund um die Tongrube von Mehlbek?

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8 Kommentare zu “Zwischen Ginster, Lupinen, Wasser und Ton – ein Spaziergang bei Mehlbek

  1. Liebe Heike, ich gehe immer sooo gern mit dir spazieren und schaue mir die Welt mit deinen Augen an. Ich empfinde das mit den Steinbrüchen genauso wie du und bekomme immer eine Gänsehaut, wenn ich sehe, wie der Mensch sich Zugang verschafft, eingräbt, nimmt, was er will…dann manchmal, wenn er abzieht, hat die Erde Gelegenheit, ihre Wunden zu heilen und etwas Wunderbares entstehen zu lassen, manchmal aber auch nicht…Diese Perversion, dass man Landwirten Geld zahlt, damit sie ein wenig Natur stehen lassen, gibt es leider nicht nur in Deutschland. Wünsche euch einen schönen Sonntag im Wolfsnest, alles Liebe ❤

    • Vielen lieben Dank, Alois. Ich bin viel zu selten bei WordPress, aber ich habe dich abonniert und sehe fast jeden Morgen eine der vielen wunderbaren Naturaufnahmen, u.a. auch von so vielen Tieren, von denen wir hier nur träumen können. Herzliche Grüße, Heike

  2. Danke, dass wir dich mal wieder auf einem Spaziergang begleiten durften, meine Mutter hat mir gerade über die Schulter gelinst, weil sie die Lupinen entdeckt hat (die sie liebt), also ein doppeltes Dankeschön aus Bayern an diesem verregneten Sonntag nachmittag

    • Das freut mich ja ganz besonders – dann liebe Grüße auch an die Mama 🙂 Meine ersten Erinnerungen an Lupinen führen an die Autobahn zwischen Stuttgart und Singen und auf den Weg zu meinen Großeltern. Rechts und links der Straße wuchsen sie in allen Farben und ich hätte am liebsten meine Eltern gebeten anzuhalten, damit ich einen Strauß pflücken kann 🙂 An der Tongrube wachsen sie vornehmlich in Blau und in manchen Jahren so üppig, dass man es kaum glauben mag.

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