Auf Jagd mit John Jahr

Ich liebe Orte, die Geschichte gemacht haben, solche, die Geschichte ausstrahlen, Geschichte greifbar machen und auch solche, die zu Geschichten über Geschichte einladen. Ein solcher Ort ist der „Schweinehof“ bei Wacken, dem Ort, den man auch in Japan, Großbritannien, Italien und Dänemark vor allem deswegen kennt, weil es dort jedes Jahr im August höllisch heiß hergeht, und zwar beim W:O:A, beim Wacken Open Air.

Ganz in der Nähe von Wacken liegt, versteckt in einem Waldstück, zwischen Feldern und erreichbar über eine Spurbahn, der „Schweinehof“, dessen Name zunächst ja eher wenig einladend wirkt und über dessen Herkunft auch nichts zu finden ist.
1984 hatte Alexander Jahr, Sohn von Medienmogul John Jahr Senior, das Jagdgatter  (160 Hektar Wald, Wiesen und Wasser) rund um die ehemalige Tonkuhle anlegen lassen. Hinter einem 1,70 Meter hohen Zaun warteten bis ins Jahr 2014 Damhirsche, Sikawild, Wildschweine, Wasservögel und Fasane auf jagdbegeistertes, illustres Publikum. Man erzählt sich, die Hautevolee aus Politik, Wirtschaft und Medien habe sich auf dem zauberhaften und abgeschieden gelegenen Anwesen ihr Stelldichein gegeben. Zwischen zwei Gläsern Champagner und Hirsch an frischem Trüffel sei so mancher Schuss gefallen und manches Geschäft besiegelt worden, habe manches Geheimnis von Träger zu Träger gewechselt. Nun ist es freilich keine Kunst, Wild zu erlegen, das nicht fliehen kann, weil ihm ein Zaun den Weg versperrt. Bevor aber Peta und der Tierschutz anrücken, gebe ich zu bedenken, dass es ein Hirsch auf dem Jahr-Gelände noch immer besser antraf, als die namengebende (arme) Sau in der Massenzucht.

So oder so – der Zaun ist 2014, auf Geheiß der schleswig-holsteinischen Jagdverordnung, verschwunden (worden). Bis dahin gab es eine Ausnahmegenehmigung für die Familie Jahr, geblieben sind allenfalls Reste vom Gatter, zu sehen am Rand des Weges, der einmal rund um die Idylle führt.
Und noch immer tummeln sich unzählige Wasservögel auf floßähnlichen Inseln im See, und die Brutkästen zeugen davon, dass man an einer Entenpopulation sehr interessiert ist. Und ebenfalls noch immer zeigt sich regelmäßig die Tochter und Erbin von Alexander Jahr, Alexandra Jahr, um – wie man es der Presse entnehmen kann – „mit ihren Labradoren für die Hundeprüfung zu trainieren“.

Seine aufregendste und spannendste Zeit dürfte der kleine Gutshof aber hinter sich haben, auch wenn ab und an Gäste aus der fernen Großstadt im Gasthaus einkehren und mehr Porsche davor parken, als an einem Tag in Deutschland zugelassen werden.

An einem Sonntagnachmittag, bei Sonnenschein und zwischen zwei Gewittern, liegt das Anwesen jedenfalls in majestätischer Schönheit, Ruhe und in fast feierliche Stille gebettet da. Auf dem Steg beim Bootshaus am unteren Ende des Sees sitzt eine alte Dame und angelt.
Enten rufen über den See. Gänse lassen sich treiben. Und in den Sand haben sich die starken Regenfälle der vergangenen Wochen tief eingegraben.

Das weiße und weithin leuchtende Gutshaus erzählt von Weitem und über den See hinüber Geschichten von Partys und Festen, von Musik und von Gästen, von Geschäften und Gesprächen und einer Zeit, die weder besser noch schlechter war, als unsere heute. Eleganter vielleicht. Und klarer noch in der Verteilung von Geld und Macht.
Alexander Jahr starb 2006 auf seinem Landsitz in Polen. Nicht bei der Jagd, vielmehr an Herzversagen.

Spaziergang um den See

 

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Heute wird das Landhaus bewirtet, ist öffentlich zugänglich und kann für Feste und Feierlichkeiten gemietet werden.

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In einer Kamillewiese sucht eine Schwebefliege ihr Glück.

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In den Teichen tummeln sich Karpfen.

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Und die Karpfen in diesem Teich genießen sogar eine ganz besondere Aussicht auf den See.

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Von der Jagdleidenschaft des ehemaligen Besitzers zeugt das ganze Haus. Trophäen fangen Staub und erzählen vom Tod.

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Es glitzert und ändert je nach Sonne und Lichteinfall seine Farbe – das Wasser im See.

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Ein See voller Himmel.

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Im nahen Mais versteckt sich das Wild, ich weiß es genau. Und es sieht mich, ich bin sicher.

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Von hier oben leuchtet der See tannengrün.

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Fingerhut im Wald – ich gerate in Verzückung, sofern ich noch Natur entdecke, in der Natur.

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Dem Jagdhaus gegenüberliegend – ein Badesteg.

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Von Efeu umrankt – die Angler von Wacken.

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Hier wird genau Buch geführt – Herr und Frau Meirose fischen abwechselnd. Rotaugen. Und Barsch. Und Karpfen auch.

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3 Kommentare zu “Auf Jagd mit John Jahr

  1. Wieder mal was gelernt! Danke für die Tour, die wie immer schön gewählten Worte, den dramatischen Himmel…nur der Regen kam nicht rüber, seufz, da muss ich wohl weitertanzen 😉 Schönes Wochenende ❤

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