Vom Winter in Pommern, von Pudelmützen, Bratäpfeln und Schlittenpartien…

In manchen Teilen Deutschlands hat er sich von seiner besten Seite gezeigt, bei uns im Norden war er bislang eher dem Namen nach zu Gast und zeigte sich immer wieder nur kurz, knackig und eiskalt – und dann war er auch schon wieder verschwunden und hinterließ ein graues tristes Einerlei, nasse Kälte die durch die Kleidung auf die Haut kriecht, und eher wenig Anlass zur Freude. Ich spreche vom Winter, oder vielmehr von meiner Vorstellung davon, wie ein richtiger Winter zu sein hätte, sodass er mir Spaß machte. Und in der Tat habe ich das ja auch schon erlebt – lockeren Pulverschnee, kristallklare Luft, und Sonnenschein, der trotz aller Kraft Eis und Schnee nichts anhaben konnte, so unglaublich kalt war es da.

Johanna Pofahl ist 1931 geboren. Wir kennen uns über meine Arbeit für ein Seniorenmagazin. Immer wieder habe ich in der Redaktion ihre schönen Texte auf dem Tisch, die nicht nur gut geschrieben sondern immer auch ein Zeitdokument sind.

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Winter am Eider Sperrwerk

Bevor also Krokusse, Schneeglöckchen, Weidenkätzchen und Narzissen die Szene wieder für sich und das Gartenjahr einnehmen, stapfen wir doch einfach noch einmal durch einen Winter, wie es ihn tatsächlich kaum mehr gibt.

Vielen Dank an Johanna Pofahl dafür, dass ich ihren „Winterausflug“ hier veröffentlichen darf.


Winter in meiner Kindheit

In meiner Heimat Pommern kam der Winter bereits im November und blieb bis März. Er war auch nicht immer freundlich, denn mit dem Schnee kam natürlich auch der Frost – manchmal bis zu 25 Grad minus. Wie gut, dass auch die Schneedecke mit jedem Schauer wuchs, sonst wäre einiges eingefroren. Aber wir Kinder freuten uns immer auf den ersten Schnee. Auch dem Frost konnten wir nicht böse sein, denn er zauberte schöne Eisblumen an die Fenster, überhaupt sah die ganze Landschaft wie verzaubert aus – wie im Märchen! Ich erinnere mich an die Wasserpumpe auf unserem Hof mit ihrer Umkleidung aus Stroh gegen das Einfrieren. Sie sah aus wie ein Riese mit einer weißen Pudelmütze.

Schade, dass die Kinder heute Schnee für ein Wunder halten – so selten ist er geworden.

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Zu unserem Winter gehörte der Schlitten, wie das Fahrrad im Sommer. Nach dem Mittagessen erledigten wir schnell die Schularbeiten. Danach ging es raus an die frische Luft. Wir bauten einen Schneemann, machten eine Schneeballschlacht oder gingen rodeln. Hohe Berge gab es bei uns ja nicht, aber die Hügellandschaft war ideal für Abfahrten mit dem Schlitten. Auch die zugefrorenen Teiche luden zum Spielen auf dem Eis ein.

Da fällt mir das Karussell ein:
In der Mitte auf dem Teich wurde ein dicker Pfahl im Wasser eingefroren. Darüber wurde ein Balken befestigt, der sich drehen ließ. An deren Enden machten wir unsere Schlitten fest und ab ging die Fahrt. Man musste nur jemanden finden, der die Sache zum Rotieren brachte. Manchmal fanden wir auch einen Pferdeschlitten, an dem wir unsere kleinen Schlitten festmachen durften. Und ab ging die Schlittenpartie!

Abends kamen wir nass, durchgefroren, aber glücklich nach Hause zurück. Dort empfing uns dann die wohlige Wärme eines Kachelofens. Meistens brutzelte ein Bratapfel in der Röhre und duftete herrlich. Die Abende verbrachten wir mit Karten- oder Würfelspielen.

Aber oft durften wir Kinder auch unsere Eltern begleiten, die an den langen Winterabenden noch Arbeiten in der Dorfgemeinschaft zu erledigen hatten. Diese Arbeiten erledigten die Frauen. Es wurden zum Beispiel Federbetten und Wäsche für die Aussteuer der heiratsfähigen Töchter hergestellt. Das bedeutete, Federn reißen (Daunen von der Feder trennen) oder Flachs zu Leinen spinnen. Derweil spielten die Männer Karten. Sie hatten ja ihren Beitrag, den Flachs zum Spinnen vorzubereiten, schon geleistet. Aber das ist eine andere Geschichte.
Bei dieser Arbeit wurde natürlich gesungen oder es wurden Geschichten erzählt, denen wir Kinder gespannt lauschten. Meist gab es auch für uns Kinder eine Leckerei. Und so ging der Abend schnell vorbei.

Meine Mutter, die Älteste von fünf Töchtern, war schon „versorgt“, d.h. sie war verheiratet. Sie hat meiner Großmutter oft bei der Herstellung der Aussteuer ihrer Schwestern geholfen und so kamen wir Kinder in den Genuss dieser Abende, die mir immer in Erinnerung bleiben werden.


Winter zwischen Wilstermarsch und Nordsee

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4 Kommentare zu “Vom Winter in Pommern, von Pudelmützen, Bratäpfeln und Schlittenpartien…

  1. Eine sehr schöne Geschichte, – so ähnlich erinnere ich es auch. Viel Schnee, Wollhandschuhe voller “ Eisklunker “ und knallrote Wangen und das Federnschleißen
    war eine feste Größe.
    Die Fotos sind wunderschön !
    Gab es Familienzuwachs, oder wem gehört dieser Welpe ( Berner Sennenhund ?)
    Ein süßer, kleiner Kerl oder Mädel ?
    Herzliche Grüße,
    Angela

  2. Im tristen Grau der Weltenstimmung sind deine Beiträge stets ein Lichtblick, liebe Heike, denn es gelingt dir –trotz allem– das Schöne einzufangen und bei anderen zu entdecken. Dieses feine Gespür ist selten und desto umso wertvoller. ❤ lichen Dank für ein weiteres Landglück-Bonbon, dessen Genuss gaaanz lange nachlingt 🙂

  3. Liebe Heike,

    dss sind wunderbare Bilder und eine wunderschöne Geschichte! Dazu noch ein paar Gedanken von mir.

    Meine Geschichte beziehungsweise die meiner Oma aus Himterpommern geht ähnlich nur ein bisschen anders.

    Sie war eine von acht Kindern, von denen ein Junge füg gestorben ist. Die Familie war arm und gehörte sozusagen zum ungebildeten Proletariat (kein Schulbesuch oder nach der vierten raus aus der Schule und ab zum Geld verdienen). Nur der Vater war Bahnhofsvorsteher und so hatte die Familie ein kleines Häuschen von der Bahn, mit einem kleinen Hof, in dem sie ein paar Hühner halten konnten.

    So eine war meine Oma, kam als Magd zu einem Bauern und musste da schwer schuften und erst nach einer gewissen Zeit, ich weiß es nicht genau, vielleicht nach einem Jahr, vielleicht kürzer, länger sicher nicht

    Meine Kindheit war dagegen privilegiert und glücklich.

    eigentlich eine Kuhwiese aber die hat der Bauer dann freigegeben und dann konnte man wunderbar rodeln dem Berg hinunter. Es war eine richtige Idioten Wiese und manche Kinder rutschten mit ihren Skiern oder Schlittschuhen da runter. Ich bin mit meinem Schlitten gerodelt und ich bin regelmäßig in den in der Senke liegenden kleinen Bach gefahren. Manchmal hat das Eis gehalten manchmal auch nicht, und das war dann natürlich eine äußerst matschige und nasse Angelegenheit und natürlich gingen wir trotzdem glücklich nach Hause. Meine Mutter war froh, dass ich ohne Knochenbrüche nach Hause kam – und dann musste die Kledage runter, die gefrorenen Füße tauten auf und ich kam unvermeidlich in die Dusche.

    Das war also meine Geschichte und vor allem die von meiner Oma aus Hinterpommern

    jUnd nun grüße ich dich herzlich und bedanke mich für diese wunderbare Geschichte und für deine ausgesprochen schönn Fotos – und wer ist der Hund auf dem Bild???und tschüss sagt der Kai

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