Mit blauen Überziehern über meinen Schuhen betrat ich das Katzenzimmer im Tierheim. Etwa 10 kleinere und größere Katzenkinder spielten miteinander oder schliefen zwischen alten Handtüchern, ihren Futternäpfen und allerlei Spielzeug auf ein paar Quadratmetern.
Ich sollte mir eins der Tierchen aussuchen und manche von ihnen boten sich auf putzige Weise an. Ein kleiner Tiger setzte sich auf meinen Schuh und kraxelte mit seinen Pfötchen an den Jeans hoch. Andere wollten spielen oder gestreichelt werden. Oder beides zugleich.

Und hinten – abseits von allen anderen – auf der Heizung lag ein ein kleiner „Schwarzbunter“, blinzelte mit einem Auge und schlief mit dem anderen einfach weiter, gerade so als juckte ihn rein gar nichts auf dieser Welt.

Der kleine Bursche war nicht die Bohne interessiert an mir und ich fand ihn gewöhnlich, alltäglich und uninteressant. Schwarz/weiß – einer von vielen, ja, so hab ich gedacht. Also fuhren wir wenig begeistert nach Hause, wo wir uns überlegen sollten, ob oder ob nicht.

Tja… Und ein paar Tage später zog der kleine Racker bei uns ein. Wie auch immer das geschehen war – ich hatte mich verliebt in sein Phlegma und sein kleines und kesses Gesicht.

Kalle und Willy, die wir ein paar Tage zuvor aus schlechter Haltung geholt hatten, mochten einander auf Anhieb sehr. Kalle brach das Eis um Willys kleines Katzenherz. Und mit seiner Hilfe und ganz viel Geduld kam sie nach Wochen des Versteckspiels sogar unter ihrem Schrank hervor.

Einige Wochen später durften beide zum ersten Mal gemeinsam nach draußen, in die große weite Welt.
Während Willy zögerlich auf der Schwelle sitzen blieb, preschte der kleine Schwarzbunte in die Freiheit und die Koniferen hinauf. Um – wir fassen das bis heute nicht – mit einem Taubenei zwischen den Milchzähnchen wieder runter zu klettern aus 5 Metern Höhe.

Doch das war nur der Auftakt.
Kalle ging direkt und ungewollt baden im Teich, er fiel in jeden Graben und jedes Wasserloch. Er kraxelte die Bäume hoch und wieder runter, stieg uns auf’s Dach, kletterte in Etage 2 aus dem Fenster und von oben ins Kamin. Er jagte die Hühner und die ihn und er grub sich mit seinen Pfötchen ins Mauslöcher, bis er fast selbst darin verschwand. Er versteckte sich in Küchenschubladen, im Backofen und wo man ihn sonst noch nicht fand. Er schlief in Kisten und Kartons und in jeder Lage und wenn er schlief, dann schlief er so fest, dass nichts und niemand ihn hätte wecken mögen.

Ein paar Wochen nach der Taubenei-Geschichte tauchte Kalli abends nicht auf und ich fand ihn nach langem und bangem Suchen im Heu.
Er schrie vor Schmerzen, als ich ihn hochnahm, und mit dem Röntgenbild war klar: Kalle hatte sich das Hüftgelenk gebrochen.
12 Zentimeter lang war die Narbe und die Halskrause aus Plastik ertrug er mit stoischer Gelassenheit. Auf dem Tisch lag vor uns eine kleine knorpelige Kugel, die einmal seinen Oberschenkel mit seinem Hüftgelenk verbunden hatte und wir dachten: Nun ist alles vorbei.
Doch wir hatten die Rechnung ohne den kleinen Keks gemacht. Als sei niemals etwas geschehen, lief unser Kalle bald schon wieder zu Höchstform auf. Ein bisschen wirkte es fortan, als habe er einen „Achter im Rad“, aber was ihm hinten fehlte, machte er vorne wett, mit muskulösen Pfoten, an denen er sich die Bäume hochzog.
All das ist 5 Jahre her.

Im letzten Frühjahr kam Kalle am Abend zum zweiten Mal nicht nach Haus. „Ach was“, sagten manche, Kater machen das oft. Und andere: „Der wird schon wieder auftauchen, wart’s ab!“
Doch mein Instinkt widersprach: Da stimmte etwas nicht!
Also haben wir nach ihm gesucht. Zwei Tage lang. Unter jedem Stein, in jedem Winkel und jeder Ecke. Mit Tasso und sonst wem, in Gräben und Kuhlen, Schuppen und jedem nur erdenklichen Versteck. Und all das mitten im größten Sturm. Aber: Niemand hatte ihn gesehen.
In meiner Verzweiflung schrie ich laut seinen Namen, gegen Wind und Sturm und das so lang, bis mir von irgendwo weit her eine klägliche Katzenstimme eine Antwort gab. Und da saß er dann, der olle Kalle. Kläglich und hinter verschlossener Tür, knapp 250 Meter entfernt und beim Nachbarn in die Sattelkammer eingesperrt.
Was waren wir froh.

Im November dann ging es meinem kleinen Freund von einem Tag auf den anderen unglaublich schlecht. Er hatte hohes Fieber, er jammerte, er schleppte sich durch’s Haus und es schien, als wolle er nicht mehr.

Nur zwei kurze Monate konnten wir dem Katzenhimmel noch abringen. Mit aller Liebe und aller Geduld, Interferon und Kortison und der großen Hoffnung auf Zeit. Er blühte wieder auf, er spazierte mit mir durch den Garten und es schien fast, als gefiele ihm der Krankenstand. All die Fürsorge und jegliche Extrawurst.
Bis dann der Tag kam, an dem nichts mehr ging.
Nur das eine: Ihn gehen zu lassen.

Kalli war
ein Draufgänger. Und ein Tollpatsch. Ein Schnarchzahn.
Ein Fresssack. Er war ein kleiner Eierkopf. Ein Spinnerle. Ein Späckchen. Ein Nervzwerg. Ein Springinsfeld. Ein Paule Penetrant. Ein Schmusekopf. Ein Munddieb. Ein Klettermaxe. Ein kleiner Heini.
Ein Kalleballe. Ein Haudegen. Ein Schauinsland. Ein Eierdieb. Ein Kuschelpuschel. Ein Kaschperkopf. Ein Dösbaddelchen. Ein Patscherl.
Unser Kistenkalli.

Und mein Herzensviech.

Er hat uns in Atem gehalten. Zum Lachen gebracht. Immer wieder auch einen Heidenschrecken verpasst. Und uns von Herzen amüsiert.
Und am Ende zu Tode betrübt.

Unter dem Trompetenbaum im Garten liegt sein kleines Grab. Und ich schlage ein so schön wie trauriges Kapitel LandGlück zu.

Und nach Wochen der Trauer auch bald ein neues auf.
Doch davon bei Gelegenheit mehr…

(mit Klick auf eins der Fotos springt die Galerie auf)

3 thoughts

  1. Liebe Heike, ich habe so oft an euch gedacht und gebangt. Es tut mir so leid, dass der kleine Kerl es nicht gepackt hat! Tiere bereichern unser Leben unendlich – sie schenken uns so viele glückliche Stunden…und schließlich, wenn die Zeit gekommen ist, mit die schlimmsten, die es gibt. Ich bin froh, dass er zu euch kam und es so gut hatte. Seine Lebensfreude und deine Liebe zu ihm spricht aus jedem Bild, und ehrlich, kann man sich etwas Schöneres wünschen? Ich glaube nicht. Ich drück dich x

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