Den einen gruselt es, wenn im Abflusssieb Speisereste oder Haare hängenbleiben. Andere ekeln sich vor Schimmel, Staub, Spinnen, der Fliege auf der Butter oder Krümeln unterm nackten Fuß.
Die persönliche Ekelschwelle ist so individuell, wie der Mensch, der sie empfindet.

Seit ich auf dem Land lebe, seit ich Tiere habe, speziell auch seit sich Katzen im Wolfsnest tummeln, müssen da schon Geschütze her, bevor sich auf meiner Oberlippe Herpes ankündigt und der bloße Ekel von meinem Gemüt Besitz ergreift.
Meine Hitliste variiert: Ratten im Stall. Auf Ratten im Stall treten. Auf toten Ratten im Stall treten. Nacktschnecken gehören auf jeden Fall auch dazu. Und natürlich Zecken und parasitäre Würmer aller Art. Maden im Mülleimer. Und der Geruch von Brennnesseljauche im Endstadium.
Mit allem anderen komme ich nach 16 Jahren Landleben recht gut klar.
Und es gibt tatsächlich nur eine einzige Geschichte, die ich bislang noch ekliger fand, als Ratten und die ist lange her und schnell erzählt.
Und sie wurde getoppt von der Ungeziefer-Vernichtungsaktion gestern, bei der ich den Hühnerstall und das liebe Federvieh von Milben zu befreien hatte. Was lediglich vorübergehend gelingen kann – wohlgemerkt – denn: Diese zähen Biester ist man nie richtig los, es sei denn, die Hühnchen liegen sauber gerupft und ausgenommen im Tiefkühlfach.

Zurück zum bisherigen Hit auf der persönlichen Ekelskala:
Wir hatten ein Segelboot gechartert, Kaution bezahlt und nach dem Ablegen aus der Marina war das Bordklosett verstopft. Was blieb mir auf hoher See? Eine Salatschüssel, eine Gabel und eine Flasche Slivovic. Und die Augen zu und da durch.

Daran hab ich gestern gedacht. Denn die Flasche Schnaps hätte ich auch gut brauchen können, seit mir vor zwei Tagen beim Wechseln des Wassers und des Futternapfes im Hühnerstall ein Geschwader von Miniminimni-Milben über den Handrücken den Arm hinauf wuselte im offensichtlichen Bestreben, den Sieger auszumachen auf dem Weg, sich in meinen Haarschopf zu flüchten.
So schnell war ich in diesem Jahr bislang nicht unterwegs und so ausdauernd wie danach hab ich auch lang nicht geduscht und das mit mässigem Erfolg, denn auch nachdem die obere Epidermis weggewaschen war – ich schwör’s – kribbelte es weiter vom Kopf bis hin zum Fuß.

Vom Hühnerstall über die Dusche ging es dann auf direktem Weg ins Worldwidenetz, wo ich zwei Schutzanzüge, eine Atemmaske, einen Eimer Kieselgur und Gift gegen die Biester bestellt habe. Und bereits einen Tag später schon kam alles im großen Paket bis zur Haustür geliefert.

In einen weißen Schutzanzug mit Kapuze geschlüpft, durch die Atemmasken-Schutzbrillen-Kombination röchelnd, mit Handschuhen bestückt, nahm das Elend dann gestern Morgen seinen Lauf:
Im ersten Schritt hab ich jeden Winkel und jede Ecke und jede Ritze im Stall und in der Mutter-/Kind-Brut-Station mit Mitex von Röhnfried besprüht. Dabei hat mir ein Drucksprüher geholfen, mit dem ich sonst Schachtelhalm auf Rosen träufle, und natürlich auch der Mann – und das mit guten Ratschlägen.
Das Zeug ist absolut geruchsfrei und muss einwirken bzw. eintrocknen, was bei der aktuellen Gewitterluft den ganzen Sonntag gedauert hat. Und natürlich wollen Hühner, die sonst tagsüber nie (!) in den Stall mögen, an einem solchen Tag nur eins und das ist in den Stall,
so wie ich direkt nach der Aktion für eine gefühlte Ewigkeit unter die Dusche.

Am Nachmittag bin ich dann in den zweiten Schutzanzug gestiegen und habe – wieder mit Atemmaske ausstaffiert – sämtliche Einstreu aus allen Ställen komplett entfernt. Die Anzüge sind – aus Gründen – das Gegenteil von atmungsaktiv und nach knapp zwei Stunden Arbeit stieg der „Meeresspiegel“ im Anzug und in der Schutzbrille Oberkante Unterlippe, sodass ich zwischen akuter Atemnot und klaustrophobisch motivierten Panikattacken an Kindertage erinnert wurde, in denen ich schnorchelnd die Adria erkundet hab.

Nachdem schließlich das ganze Zeugs aus den Ställen geschaufelt und gefegt war, kam Schritt III dran und der Satz „Schatz, ich geh die Hühner pudern“ wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben. Im Eimer mit dem hauchfeinen Kieselgur lag eine Plastikflasche, die – mit dem Gesteinsmehl befüllt – dabei half, Ställe, Böden, Dach und mich in weißpudrige Wolken zu hüllen.
Diese feinstaubige Prozedur hab ich dann noch einmal wiederholt, nachdem die Ställe wieder mit Rapsstroh ausgestreut waren, sodass über allem, einschließlich Sitzstangen und mir, eine zarte Schicht feinen, weißen Steinstaubes lag.
Und nachdem ich mich – fast schon jähzornig vor Unmut – aus dem durchschwitzten Strampelanzug befreit hatte – ging’s ein zweites Mal an diesem denkwürdigen Tag für eine gefühlte Ewigkeit unter die Dusche.

Das abendliche Schneckenabsammeln von den bereits perforierten Hosta hat mich – ganz gegen meinen sonstigen Ekel – nach der Hühneraktion fast schon kalt gelassen. Und als wir dann bei Nachtruhe den Hühnern samt Hahn noch ein vom Tierarzt verordnetes Medikament ins Gefieder träufelten, befiel mich eine tiefe innere Zufriedenheit, die ich immer dann fühle, wenn meine Möglichkeiten, für’s Tierwohl gesorgt zu haben, ausgeschöpft sind.

Im Trinkwasser sorgt jetzt ein Kräuterextrakt von Mitex für gesteigerten Appetit und dafür, dass die Hühner aus Minimilbensicht eklig riechen und noch ekliger schmecken. Heute Abend werd ich dann noch Essigwasser feinsprühen auf’s Gefieder und im Stall, das mögen die fiesen, winzigen Biester nämlich auch nicht haben. Und weil in diesem Jahr offensichtlich überall und nicht nur bei mir die Milben los sind, werd ich die Puderaktionen beibehalten und auch sonst ein Argusauge auf meinen Handrücken haben, nachdem ich im Hühnerstall gewesen bin.

Jetzt ist erstmal Ruhe. Wobei – ich freu mich nicht zu früh.

Denn: irgendwas ist ja immer….


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