„Irgendwie isses auch schön, wenn es nicht schön ist“, hab ich jüngst auf Facebook unter ein paar graue Fotos von einem grauen Tag am Meer geschrieben, und damit die Nordsee und das Ganze auch ehrlich gemeint. Wenn’s nicht so schön ist, das Wetter, dann schaut man nämlich genauer hin. Dann muss man suchen, bis man die Schönheit und das Besondere unterm bedeckten Himmel und im stillen Watt entdeckt. Da waren wir im Meldorfer Koog gewesen, und ich habe die grauen Fassaden der Silos im Büsumer Hafen fotografiert.

Aber:
Schöner isses natürlich, wenn es schön ist. Am Meer und anderswo auch. Zumindest halt, wenn die Wettervorhersage eine immer wieder durch den Wolkenhimmel blitzende Sonne in Aussicht stellt und Licht- und Schatten im Wechsel für ein fulminantes Farbspiel in dieser besonderen Landschaft sorgen.

Anfang dieser Woche waren wir auf Nordstrand, der Halbinsel vor Husum. Das sind etwa 110 Kilometer zu fahren von uns aus, quer durchs Land, vorbei an Moorlandschaften, der Treene und der Eider, einem Landstrich, der immer wieder über längere Strecken fast ganze ohne Zeichen von Zivilisation auskommt. Wenigstens aber ohne Menschen und ihre Ansiedlungen.

Nordstrand ist ein Überbleibsel der im 17. Jahrhundert untergegangen Insel Strand und war mal eine Insel. Anfang des 20sten Jahrhunderts wurde die Insel durch einen zweieinhalb Kilometer langen Damm mit dem Festland verbunden, der dem Küstenschutz und Fußgängern bei Niedrigwasser vorbehalten war. Zwischen 33 und 35 wurde die Straße gebaut, die heute Nordstrand mit dem Festland verbindet und es zur Halbinsel macht, von drei Seiten von der Nordsee umgeben. Die Orientierung auf dem Eiland mit „Brücke“ zum Festland fällt recht leicht – Ortsschilder wie „Süden“ oder „Westen“ machen unmissverständlich klar, wo man sich gerade befindet. das ist gut so, denn vor dem Schaf ist nach dem Schaf und irgendwie schauts im Inland an der nächsten Ecke so aus, als sei man da eben schonmal gewesen. Wiesen. Weide. Schafe. Kühe. Und Gras. So viel Gras.

Wechselhaftes Wetter war angesagt und genau so kam es dann auch: In teilweise wirklich atemberaubenden Tempo wechselten heftige Regenschauer und strahlender Sonnenschein einander ab und der Wind auf den Deichen oben war so heftig, dass mir der Kopf wehtat davon. (Wer hat schon im Sommer eine Mütze im Gepäck?)

Ich liebe dieses typisch norddeutsche „Wetter“, wenn der Wind wie mit riesenhafter Hand über die Wiesen streift und die Halme tanzen und die Bäume sich biegen lässt. Wenn der Sturm die Unterseiten vom Laub nach oben kehrt, sodass die Blätter der Weiden glänzen wie Silber in der Auslage beim Juwelier. Ebbe und Flut, auflaufend und ablaufend Wasser, die Deiche und das Vorland, das Watt und seine vom Meerwasser in den Sand gemalten Strukturen, der weite und offene Himmel, die vielen Nuancen von Grün, Grau und Braun und im Kontrast dazu das strahlende Himmelsblau, das sich – je nach Wolkenlage und Tageszeit – auch in bleierne Schwere, gleißendes Weiß oder Unheil verheißendes Schwefelgelb verwandeln kann. Ich mag den Geruch, den die Weite mit sich bringt. Schlick und Algen, Muscheln und Fische, Schafe und ihr Dung, Diesel und Öl, all das vermischt sich und wird zu einem ganz speziellen Duft, der auch für die Sehnsucht nach Reisen, Ferne und Abenteuer steht.

Nordstrand – das sind mehr Schafe als Menschen. Das ist Koog. Das ist Deich. Das ist Landwirtschaft. Nordstrand ist Nordsee mit Blick auf Halligen und Pellworm, auf Husum und seinen Hafen. Nordstrand – das sind Gänse und Kiebitze und Enten und Reiher und Scharen von Staren und Wasservögeln aller Art, deren Namen ich nicht kenne.
Nordstrand ist Urlaub und Tourismus, Alltag und Normalität.

Und: Nordstrand hatte bei unserem Ausflug eine große Überraschung für uns parat.
Irgendwo auf dem Deich, mit Blick übers Watt auf’s gegenüberliegende Ufer, waren in der Ferne ein paar Punkte auszumachen.
„Möwen“, sag ich.
„Quatsch“, meint Sönke.
„Seeadler“, sagt er.
„Quatsch“, sag ich, „viel zu viele sind das.“
Und dann waren es am Ende (und durch das Leica Vario 100-400 mm betrachtet) doch tatsächlich rund zehn junge Seeadler, die da durch den Schlick hüpften, immer wieder aufflogen und sich alle in einem Radius von ca. 150 Metern bewegten.
Zuhause dann und beim Entwickeln der Fotos wurde auch klar, was die wunderschönen Tiere da im Watt zu suchen hatten: Hunderte Aale waren in diesem Abschnitt gestrandet. Sie hatten das ablaufende Wasser verpasst bzw. waren der Ebbe zum Opfer gefallen. Leichte Beute für die jungen Raubvögel, die die Gestrandeten nur noch aufzulesen hatten für eine Festmahlzeit.
Für mich ist das immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis, in freier Wildbahn Adler zu sehen. Sie stehen für mich stellvertretend für ein Maß an Wildnis, an freier Natur, das auch bei uns möglich ist und das zu schützen wir alle aufgerufen sind.

Beendet haben wir unseren schönen Ausflugstag schließlich im Sonnenuntergang an der Schmalspur-Lorenbahn Lüttmoorsiel-Nordstrandischmoor, die durch das nordfriesische Wattenmeer zur gleichnamigen Hallig führt.
Im Auto gab’s Tee, Flensburger ohne und Matjesbrötchen mit dick Zwiebeln drauf.
Und auf dem Deich oben den Ausblick auf die Bahn und die Halligen.
Die ursprünglich 7 Kilometer lange und 1933/34 gebaute Strecke wurde 1956 vom Eisgang zerstört und anschließend – allerdings mit 3,6 Kilometern Länge deutlich kürzer – wieder neu errichtet. Die heutige Strecke wurde auf einem wesentlich höheren Damm errichtet und kann unabhängig von der Gezeitenlage befahren werden. Nur bei Sturmflut muss sie passen.

Die Naturschutzverordnung für diesen eigenwillig schönen Landstrich fasst es so zusammen:
„Das Naturschutzgebiet dient der dauerhaften Erhaltung und ungestörten Entwicklung eines durch Eindeichung überprägten ehemaligen Wattenmeerbereiches mit großflächigen Salz- und Süßwasserlebensräumen, tidebeeinflussten Überschwemmungsgebieten, mit Sümpfen und sonstigen Feuchtgebieten sowie einer an diese Lebensräume gebundenen charakteristischen Pflanzen- und Tierwelt, insbesondere dem Schutz der hier rastenden und brütenden Watt- und Wasservögel.“

Google-Maps-Screenshot

Die unzähligen Weidetiere – Pferde, Schafe, Ziegen und Rinder -, tausende Vögel, etliche Feldhasen, Füchse und nicht zuletzt die wunderbaren Adler sorgen für Leben, Abwechslung und viele schöne Motive für unsere Kameras. Die Farben, die Weite, das riesige „Himmelszelt“, die ungewöhnliche Flora – all das zusammen macht mir immer wieder Glück. Nach einem solchen Tag sieht auch der Rest der Welt wieder für eine zeitlang ganz anders aus. Mein Garten wirkt noch üppiger, als sonst. Das Kleine kleiner und das Große auch. Und ich freue mich jedes Mal schon auf dem Heimweg darauf, den Mac anzuschalten, Lightroom zu öffnen und die Beute zu sichten. Immer in der Gewissheit, auf den Fotos etwas zu entdecken, das mir beim Fotografieren gar nicht aufgefallen war.

Am Flüsschen Treene, das wir bei der Heimfahrt links liegen ließen, hab ich an diesem schönen Tag auch noch gelernt, dass es süddeutsche Kolonisten waren, die die Kartoffel im Norden heimisch machten. Darauf komme ich dann bei Gelegenheit und einer der nächsten Geschichten zurück.

Und hier gehts auf eine kleine Rundreise über Nordstrand. (Wie immer lassen sich die Fotos in der großen Ansicht anschaun, wenn man auf eines von ihnen mit dem Mauszeiger klickt.)

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