Es ist ja generell recht einfach, über die anderen zu reden. Über den Nachbarn, wenn er wegen eines Marders in seiner Garage durchdreht. Über die Bekannten, die nicht mehr schlafen, weil im nächsten Dorf ein Fuchs gesehen wurde. Über den Hysteriker, der wegen der Wölfe auf die Barrikaden geht. Oder über den Bauern von der Geest, der gegen Wildschweine ins Feld zieht und sich offensichtlich lächerlich macht.
Da hat man immer gut lachen, weil es einen selbst nicht betrifft.
Wie groß die eigene Klappe tatsächlich ist, zeigt sich dann, wenn mal auf dem eigenen Terrain sprichwörtlich betrachtet der Bär los ist.

Ich liebe Rehe seit Kindertagen. Das hab ich von meiner Mama, die regelmässig in Begeisterungsrufe ausbricht, wenn sie irgendwo eins von ihnen sieht. („Rehle, Rehle, Rehle.“)
In meiner baden-württembergischen Heimat muss man schon arg leis sein und ganz viel Glück haben, um eins von ihnen zu sehen.
Ganz anders hier in Schleswig-Holstein, wo ich an manchen Tagen 10 und mehr Tiere zähle, wenn ich übers Land und zum Fotografieren fahr.
Nicht selten streifen die scheuen und schönen Geschöpfe auch dicht an unserem Haus vorbei. Nachts „bellen“ die Rufe der Böcke über’s Land und rund um Haus und Garten sehe ich sie oft, freu mich arg und fotografiere sie gern.

Letztlich hat der Schwiegersohn vom Nachbarn beim gemeinsamen Spaziergang durch meinen Garten noch erzählt, wie oft hier früher die Rehe reinspaziert und in die Beete eingefallen sind. Und wie unglücklich die alte Frau Sude darüber gewesen ist. Dazu hab ich freundlich interessiert gelächelt, mit milder Geste genickt und mir im Stillen gedacht: Meine Güte, so ist das halt mit der Natur. Lasst uns froh sein, dass es sie noch gibt!

Nun hat’s mich aber selbst erwischt. Und das ändert alles!
(Fast.)
In den Rosen schaut’s aus, als habe ein Schwarm Heuschrecken gehaust. Keine zwei Tage nach meinem wirklich beherzten Sommerschnitt hat sich eine Ricke über die Sträucher hergemacht und die Rosen mit Stumpf und Stiel vertilgt.
Schlimmer noch: Seit Tagen sehe ich Mutter und Kind in den umliegenden Wiesen und freu mich wie Bolle über den Anblick und das schöne Fotomotiv. Nichtsahnend, was die Dame mit dem Wahnsinns Augenaufschlag da im Schilde führt.

Also ist guter Rat teuer. Ein Facebook-Post mit Preiselbeeren und Rezeptvorschlag förderte viele unterschiedliche Tipps zutage. Von „Lass sie doch fressen und zieh aus“ über „Ultraschall gegen Katzen“ – Willy und Maxe hatten schon die Taschen gepackt – bis hin zu „Urin im Garten“ war einiges dabei.

Seit Wochen machen mir die vielen Schnecken zu schaffen – Hosta und Dahlien haben absolut keine Chance – und jetzt auch noch die Rehe, ich geb ehrlich zu: Im Augenblick könnte ich den Garten gut und gern betonieren und grasgrün anstreichen. Das täte es auch.

Ich teile gern. Aber nicht alles. Und auch nicht, weil ich es muss.
Auch nicht mit Rehen, für die mein Herz schlägt, solange sie dort bleiben, wo sie hingehören.
Und: Ich wär ja nicht ich, wenn ich mich so leicht schon geschlagen gäbe:
In den Sträuchern und Bäumen hängen jetzt CDs von Dieter Nuhr. (Den mochte ich noch nie.). Und „Eve“ von Jil Sander hängt wie ein Pesthauch zwischen den Rosen und über der gesamten Wilstermarsch.

Und wenn das alles nichts hilft, zieh ich vielleicht tatsächlich um.
Und schlafe die kommenden Nächte im Garten.

An der Toilette hängt eh schon ein Schild.
Drauf steht: „Bin draußen im Garten“

3 thoughts

  1. Ein prächtiger Garten! Und es ist doch trotz der verfressenen Rehe noch so viel da, was üppig grünt und blüht 😉

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