In dem schwäbischen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gehörten Mitte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch einige kleinere und größere landwirtschaftliche Betriebe zum Ortsbild. Manche befanden sich zu der Zeit noch mitten im Ortskern, andere waren bereits umgesiedelt, sie wurden „Aussiedlerhöfe“ genannt, weil man sie aus der Dorfgemeinschaft an deren Rand befördert hatte.

Auch wenn damals schon die ganze Region rund um Stuttgart von Industrie und Wirtschaft geprägt gewesen ist, haben die Bauern doch immer noch auf ganz besondere Weise das Landschaftsbild und speziell auch den Wechsel der Jahreszeiten mitbestimmt. Und für uns Kinder war der Herbst eine der aufregendsten und schönsten Phasen im Wechsel der Jahreszeiten. Denn durch die Mäh- und Erntearbeiten hat sich unser ohnehin schon großer „Spielplatz“ am Rand des Dorfes gleich noch um ein Vielfaches mehr vergrößert. Die abgeernteten Getreidefelder, Mais- und Rübenäcker, die Wiesen und ihr letzter Schnitt im Jahr und auch die Ernte von Äpfeln, Birnen und Pflaumen oder Zwetschgen war so etwas wie eine alljährliche Öffnung vieler Grenzen für uns. 

Endlich durften wir betreten, was bis dahin tabu, zumindest aber streng verboten gewesen und uns von den Bauern unmissverständlich untersagt worden war. 

Und wir durften auch ernten, vielmehr das einsammeln und stolz wie Bolle nachhause tragen, was auf den Wiesen und Feldern liegengeblieben war. 

Oft kamen wir mit reichlich Beute nachhause, und ich könnte schwören, dass meine Mutter im Stillen geflucht hat bei all dem überreifen Obst, weil alles ja flott verarbeitet werden musste, um nicht zu verfaulen. 

Diese geschenkte „Ernte“ kam in eine Zeit, in der die künstlich ergrünte und parfümiert schmeckende Apfelsorte „Granny Smith“ zum Besten gehörte, was der Markt zu bieten hatte, und Selbstgesammeltes und Selbstgemachtes auf eine gewisse Weise auch ein bisschen verpönt bzw. aus der Zeit gefallen gewesen ist. Ich nehme an, dass viele Menschen aus der Generation meiner Eltern aus Kriegszeiten genug davon hatten, von den Resten anderer Leute zu leben und einzukochen und einzumachen, was die Natur ihnen bot, um überhaupt etwas auf dem Teller gehabt zu haben. Und ich kann das aus heutiger Sicht auch sehr gut nachvollziehen.

Ich aber hab diese alten Obstsorten, das Sammeln und das Horten geliebt und bis heute nicht vergessen, wie ein wirklich guter Apfel schmeckt. 

Bei mir hat diese Kinderzeit, schöpfend aus dem Vollen, Spuren hinterlassen, denn mir gefiel die Vorstellung schon damals, die Geschenke der Natur nachhause zu tragen und aus ihnen Nahrhaftes zuzubereiten. Inspiriert hat mich überdies ein Kinder- und Jugendbuch, dessen dramatische Geschichte ich nie vergessen und das ich über die Jahre immer wieder erneut gelesen habe. 

„In den Wäldern am kalten Fluß“ von William Judson wurde 1978 veröffentlicht. Lizzy ist 14 und ihr Stiefbruder Tim ist 13 Jahre alt. Es ist Herbst in Kanada, die Wälder leuchten bunt und der Vater möchte mit seinen beiden Kindern vor Wintereinbruch eine Kanufahrt durch die Wildnis unternehmen. Mit Proviant und Angelzeug und einem Gewehr an Bord, starten die drei in ihr Abenteuer, das bald schon ein jähes Ende findet. Sie geraten in Stromschnellen, das Boot kentert und der Vater wird dabei schwer verletzt. In den Tagen, die ihm noch bleiben, weist er Lizzy und Tim in die Geheimnisse der Wildnis und der Natur ein. Er klärt sie auf, wo sie Nahrhaftes finden, was sie essen dürfen und was nicht. Wie sie wilden Knoblauch finden, woran sie die Himmelsrichtungen erkennen, dass zuviel Kaninchenfleisch zwar satt aber auch krank macht, wie man an tierisches Eiweiß kommt, ohne ein Tier zu schießen, wie man Fallen baut, Fische mit den Händen fängt, welche Beeren nahrhaft sind und welche Pilze man essen kann. Schließlich stirbt er und lässt seine beiden Kinder zurück.

Und tatsächlich schaffen Lizzy und Tim es, Herbst und Winter zu überleben, und Monate später wieder nachhause zu gelangen.

Ich habe damals fast alles selbst ausprobiert, abgesehen von den weißen Maden unter der Baumrinde und dem Kaninchen, das in der Schlinge hing. Die Forellen aus dem Bach waren schneller als ich. Und bei den Pilzen habe ich mich beschränkt auf die Schopf-Tintlinge, die ich auf der Wiese fand, und von denen ich aus dem Biologie-Unterricht wusste, dass die genießbar waren.

Gemeinsam mit meinen Freunden haben wir Bucheckern und Brombeeren und Schlehen gesammelt, Äpfel und Birnen und Zwetschgen aufgelesen, Sauerampfer gepflückt und von den Feldern die Überbleibsel aus der Mais-, Rüben- und Getreideernte aufgelesen. Wir haben im Wald „überlebt“ und – zwischen Hausaufgaben-Ende und Sandmännchen am Abend – Holzhütten gebaut und das Leben fernab der Erwachsenen und ihrer Fürsorge genossen. Mit Ausnahme von den Tagen, an denen der Wind übers Schwabenland blies und den Hang hinauf bis oben an den Waldrand unsere bunten Drachen in den Himmel stiegen und mit dem Luftstrom tanzten. Die ersten Drachen haben wir selbst gebaut, aber sie hielten unseren Kamikaze-Manövern selten lange stand, brachen entzwei, blieben in den Baumwipfeln hängen oder bohrten sich tief in die weichen Ackerfurchen. Und schließlich machten sie gekauften Drachen Platz. Ich ließ dann einen „Adler“ mit einer Spannweite von etwa einem Meter in die Lüfte steigen. Und mit einem bisschen Fantasie sah das von da unten so aus, als würde tatsächlich über meinem Kopf ein großer Raubvogel seine Kreise ziehen. 

Und wenn wir nicht im Wald ums „Überleben“ siedelten oder uns in Flugmanövern maßen, dann waren die großen Felder eine herbeigesehnte Einladung, nach Herzenslust darüber zu galoppieren und eine kurze zeitlang im Jahr durften sich Ponys, Pferde und Reiter so richtig austoben auf abgeerntetem Land.  Bis heute ist mir der Herbst – ja – die meist geliebte Jahreszeit geblieben. Seit ich fotografiere, liebe ich ihn allein für sein weiches und warmes Licht, für das Diffuse, für den Nebel am Morgen und die kräftigen Farben. Ich erinnere mich an Wiesen voller Herbstzeitlose, an diesen satten Geruch überreifen Obstes, irgendwo auf der Strecke zwischen Saft und Schnaps. An den milchigen Geschmack von reifem Mais, an die zerkratzen Finger, die Brombeeren pflückten. An zahllose Stunden, die meine ungeduldigen Finger vergeblich versuchten, Nylonfäden zu entwirren. An den kräftigen Geruch vom Galoppieren warmer Pferdeleiber, die im Gegenlicht dampfen. 

Ich liebe den Anblick gepflügter Felder, wenn das Unterste zuoberst gekehrt auf den Winter und den Frost wartet. Ich mache Schlehenschnaps, obwohl ich ihn selbst selten trinke, ich lege Früchte in Rum für Generationen, die auf mich folgen, ich koche kiloweise Marmelade, und rüste meine Speisekammer auf, als gelte es fürs nächste Jahrzehnt zu hamstern. Ich schnuppere verzückt an reifen Quitten und freue mich an der goldgelben Farbe. Ich frohlocke bei jedem Steinpilz im Wald und liege wie ein Käfer auf dem feuchten Boden, um dem Fliegenpilz unter die Krempe zu fotografieren. Ich trockne, koche ein, konserviere und mach haltbar, was immer sich dafür anbietet. Ich laufe unentwegt in Spinnenetze, zanke mich mit Wespen und Hornissen ums Fallobst und sehe beim Fotografieren in kleinen Wassertröpfchen eine ganze sich spiegelnde Welt.

Und gleiche vorne, am Weg zu unserem Haus, wächst seit ein paar Jahren ein Apfelbaum. Seine Früchte sind klein, goldgelb und kugelrund. Sie schmecken süß und aromatisch und kaum jemand kennt diese Sorte noch. Wenn meine Goldparmänen geerntet werden, Ende September, und ich beiße in einer der Äpfel rein, dann bin ich jedes Mal wieder 12 Jahre alt und bei den Bäumen ganz oben, den Hang hinauf, wo früher Boskoop, Grabensteiner, Alkmene, Rennette und Glockenapfel wuchsen. Und wenn dann noch ein bisschen Wind aufkommt, krieg ich riesig Lust aufs Drachensteigenlassen.

2 thoughts

  1. es ist immer wieder eine freude diese wundervollen farbexplosionen ihrer fotos anzuschauen. eine auf der einen seite so paradiesische natur und eine andere seite so grausam: natur und mensch gleichermaßen… vielen dank und

    Beste Grüße Andrea Matthey 0171 7570626

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