In meiner Natur begeisterten Familie wurde immer schon Ausschau gehalten nach den scheuen und eleganten Waldtieren, die unter dem allumfassenden und schwäbisch eingefärbten Oberbegriff „Rehle“ die gesamte Vielfalt von Rotwild, Damwild, Sikawild und Rehwild umfassten.
Ob das Spaziergänge waren oder Fahrten übers Land oder Urlaubstouren, immer war der Blick auf Wiesen und Waldränder links und rechts der Straßen gerichtet, vom Wunsch beseelt, „Rehle“ zu sichten und sich darüber so zu freuen, dass die gesamte Familie daran teilhaben durfte.
„Rehle, Rehle, Rehle!“
Und so verhielt es sich auch auf unzähligen Wanderungen und Spaziergängen meiner Kinderzeit: Immer waren sie begleitet von der Hoffnung, einem Reh, wenigstens aber einem Hasen oder einem Fuchs über den Weg zu laufen.
Wir waren noch klein, meine Schwester vielleicht 5 und ich 7 Jahre alt, als wir an der Hand unseres Vaters mitten im Wald einem wahrhaften Reh gegenüberstanden. Das stand – wie aus Holz geschnitzt – eine Wurflänge von uns entfernt im Unterholz und war über die unerwartete Begegnung mindestens so überrascht, wie wir. Es waren sicher nur Sekunden, aber es kam uns Kindern wie eine kleine Ewigkeit vor, bis das Tier reagierte, sich herumwarf und große Haken schlagend im Wald verschwand. Diese Sekunden aber waren ein magischer Moment: Auf der einen Seite wir drei und auf der anderen das Reh, das uns mit seinen großen, dunklen Augen fixierte und dessen gesamte Muskulatur auf Flucht umstellen musste, um uns zu entkommen.

Auf unzähligen Ausritten und Touren mit meinem Hund durch die württembergische Natur bin ich früher oft Rehen begegnet und auch dem, was von ihnen übrig blieb, nachdem sie verendet waren. Es fasziniert mich bis heute, tierische Gebeine zu betrachten und – ja auch zu sammeln. Unvergessen bleibt ein wunderschönes Kitz. Äusserlich vollkommen unversehrt, lag es regungslos im hohen Gras. Vielleicht war es erfroren? Oder gestorben, woran ein kleines Kitz eben sterben kann?

Von Baden Württemberg ging es nach Bayern. Dort hab ich einige Jahre sehr nahe am Wald gewohnt. Viel öfter noch, als im dicht besiedelten Baden Württemberg, waren hier Wildtiere zu sehen und auch zu hören. Wenn ein Bock „schreckt“, bleibt einem fast der Atem stehen und man mag kaum glauben, dass diese schmalen, eleganten Tiere zu solchen Tönen fähig sind. Wie ein wütend ausgestoßenes und kurzatmiges, tiefes Bellen klingt das Tier und wer diesen Ruf nicht zuordnen kann, der denkt an vieles, nur nicht an ein Reh.

Nun lebe ich in Schleswig-Holstein auf dem Land und Rehe gehören hier zum Leben, wie Kühe, Schafe, Hasen und Fasane auch. Und auch wenn sie inzwischen in meinen Garten kommen, um Rosen und Efeu zu fressen, und auch wenn ich sie zwischen Garten und Kanal jeden Abend grasen sehe, und auch wenn sie inzwischen am Ende unseres Landes ihren Nachwuchs bekommen und auf fast jeder meiner Fototouren übers Land meinen Weg kreuzen – meine Faszination für sie bleibt ungebrochen. Ich finde es so erstaunlich wie schön, dass Rehe in der Koexistenz mit uns Menschen ihre Wachsamkeit und ihre Scheu bis heute nicht verloren haben. Noch immer muss man sich ihnen vorsichtig nähern. Noch immer halten sie eine Fluchtdistanz. Und noch immer (oder vielleicht mehr denn je?) ist ihnen bewusst, dass sie uns Menschen zu fürchten haben.

Wo früher der Anblick eines Rehs selten war, besteht heute die begründete Hoffnung, mit etwas Glück Rot-, Dam- und Sikawild in freier Wildbahn zu begegnen. In den umliegenden Wäldern nahe Wacken, mehr noch aber Richtung Ostholstein halten sich die deutlich größeren, majestätisch und erhaben wirkenden Tiere auf.
In Wacken unterhielt die Unternehmerfamilie Jahr ein sog. Jagdgatter, ein Areal also, auf dem „Wildtiere“ gehalten wurden, um innerhalb der Umzäunung bejagt zu werden. Nachdem die Gatterjagd im nördlichsten Bundesland verboten wurde, fielen die Zäune und mit ihnen die engen Grenzen für die Wildtiere. Sie haben inzwischen das Umland erobert und sind in der weitläufigen Waldlandschaft anzutreffen. Allerdings braucht es auch hier Glück, um ihnen zu begegnen. Leider hat sich mir auch ein eher trauriges Bild ins Gedächtnis eingebrannt: Bei einer frühmorgendlichen Fototour trafen wir auf einen großen Rothirsch, dessen Geweih sich in einem Weidedraht verheddert hatte. Das arme Tier muss die ganze Nacht schon um seine Freiheit gekämpft haben. Es atmete schwer, die Zunge hing ihm nicht nur sprichwörtlich aus dem abgekämpften Leib und all unsere guten Wünsche halfen dem Prachtburschen nichts. Unser Anruf bei der Polizei brachte den für die Region verantwortlichen Jäger auf den Plan und der sah keine andere Möglichkeit, als das schöne und starke Tier mit einem tödlichen Schuss aus seiner ausweglosen Lage „zu befreien“.

Und an eben dieses – an den tödlichen Schuss – musste ich denken, als ich Anfang dieser Woche und im frühen Morgennebel diese große Herde Rotwild fotografiert habe. Ich werde wohl nie verstehen, wie man diese faszinierenden Tiere anders „schießen“ kann, als mit der Kamera.

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