Höhenluft

„Bei uns kannst du Freitagabend schon sehen, wer Montag früh zu Besuch kommen wird“, mit diesem schrägen Bild, das in etwa die Aussicht bei uns auf dem platten Land beschreibt, hat mich mein Mann vor 15 Jahren auf die norddeutsche Tiefebene eingestimmt. Seit ich hier oben, zwischen Kiel und Brunsbüttel am Kanal, zuhause bin, musste ich selten am Hang anfahren und für einen Druckausgleich auf meinen Ohren bestand auch kaum Bedarf. Ein Umstand, dem ich es mit zu verdanken habe, dass mir inzwischen jedwede Höhenlage den Puls beschleunigt und die Beine weich werden lässt.

Entsprechend fiel die etwa 800 Kilometer lange Fahrt Mitte November in meine alte Heimat Baden-Württemberg aus. Speziell zwischen Kassel, Fulda und Würzburg hat mir die gigantische Aussicht auf leuchtend bunte Herbstwälder und nebelverhangene Berge und Hügel nicht nur pure Freude sondern auch ein gehörig Maß an Bammel bereitet. Insbesondere die vielen Brücken über die Täler in der Rhön waren echte Herausforderungen. Und dann – zuhause angekommen – ging es erst richtig los: Der Schurwald. Die schwäbische Alb mit ihren steilen und kurvigen Anstiegen (Hoher Neuffen, Wiesensteig, Lenninger Tal) und auch ein paar Ausflüge Richtung Schorndorf, Lorch und dem Hohenstaufen oder nach Marbach ins von mir so sehr geliebte Haupt- und Landgestüt haben meine ü50 aufflammende Höhenangst auf harte Proben gestellt. Wirklich geschmerzt hat mich diese mir neue Schwäche beim Anblick der Ruine Reußenstein. Ich hab mich definitiv nicht getraut, mich der historischen Schönheit auf weniger als 30 Meter zu nähern und so blieb es denn auch bei zwei Handy-Aufnahmen und einigen Fotos aus der respektvollen Distanz, wozu letztlich auch der Hinweis meiner Mama beigetragen hat, man habe da in den letzten Jahren etliche Rettungseinsätze durchführen müssen. Ich wollte gar nicht erst nachfragen, wieso und weshalb. Aber das uralte Gemäuer nicht betreten haben zu können und auf die grandiose Aussicht auf das Tal verzichtet haben zu müssen, das wurmt mich schon arg.

Insgesamt 14 Tage war ich zu Besuch bei meiner lieben Familie und jeder einzelne davon war schön. Das Gefühl, von zuhause aufgebrochen und nach knapp 800 Kilometern Nord-Süd-Fahrt ebenfalls zuhause angekommen zu sein – und vice versa -, lässt sich schwer beschreiben. Es ist, als spanne sich ein weiter Bogen vom Gestern ins Heute, an dessen beiden Enden ich jeweils ankommen und gleichzeitig auch wieder aufbrechen kann.

Meine Liebe zu Natur und Landschaft ist etwas, das mich von Kindesbeinen an begleitet. Beides zieht sich durch mein Leben und hat mich Baden-Württemberg ( wo ich geboren und aufgewachsen bin), Oberbayern (wo ich lange gelebt habe) und nun seit vielen Jahren auch Schleswig-Holstein fest ins Herz schließen lassen. Der Wunsch nach interessanten Fotoaufnahmen hat mein Auge für die Schönheit, die uns umgibt, gleich noch einmal geschärft. So bin ich mit der Kamera dort unterwegs gewesen, wo ich als Kind schon war, wo ich bei stundenlangen Ausritten die Landschaft aus einer gleich noch einmal anderen Perspektive kennengelernt hab, wo wir als Kinder rodeln waren oder die ersten Versuche auf Skiern unternahmen oder hoch oben auf „meiner“ Teck, wohin es mich immer gezogen hat, wenn es mir weiter unten und aus welchen Gründen auch immer zu eng geworden war.

Ich war in Baltmannsweiler, wo ich meine Kindheit verbracht hab, im Ölmühltal bei Reichenbach an der Fils, wo „unser“ Reiterhof lag, am Herrenbach Stausee, wovon meine Schwester so schwärmt, am Hohenstaufen, dem Randecker Mar, dem Hohen Neuffen, in Urbach, Marbach und auf der Teck. Im Gestern und im Heute. Und das in den letzten herbstlichen Tagen, bevor nun der Winter kommt.

Jetzt ist mein Herz voll von all diesen Eindrücken, den Erinnerungen und der Zeit mit meinen Liebsten. Und ein bisschen schwer ist es auch.

Ich wünsche viel Freude mit meinem Streifzug durch „mein“ Baden-Württemberg. Wie stets: Beim Klick auf eins der Foto springt die größere Ansicht auf.

standhaft

mir machte es nichts aus
mit drei gepackten sachen
loszuziehen alleine


ich hatte gelernt
mein eigener schatten

ist ungefährlich

und ich wusste

zurückzukehren dorthin
wo ich losgegangen bin
ist nicht dasselbe
wie stehengeblieben zu sein


ich gewöhnte mich
irgendwann einmal daran
standhaft zu bleiben
während ich ständig fortging
wurzellos und beflügelt

gedicht von
ali e. danabaş

4 Antworten auf “Höhenluft”

    1. Lieber Dirk, zur Abwechslung mal ein paar süddeutsche Eindrücke – das hat mir auch gut getan. Jetzt bin ich wieder in meiner norddeutschen Abgeschiedenheit und es geht mir ein bisschen ähnlich, wie meinem syrischen „Schützling“, als er das erste Mal Bilder von hier oben sah und mich fragte: „Heike, wo ist das Volk?“ Er mochte kaum glauben, wie wenig besiedelt der Norden ist 🙂

  1. Liebe Heike, vielen Dank für die Komposition aus Wort- und Bildgedanken. Die mich so sehr berühren, auch wenn ich eine andere Geschichte und Verbindung mit meiner Heimat habe … einen lieben Gruß und eine friedvolle Adventszeit im menschenleeren Norden

    1. Vielen lieben Dank, liebe Doris. Der Dezember hat begonnen. Ich mag’s gar nicht glauben, dass dies Jahr schon vorüber ist. Freue mich allerdings jetzt auch auf ein paar ruhigere Tage, sobald die Arbeit getan sein wird. Ich wünsche dir auch eine schöne Weihnachtszeit und auf bald 🙂

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